Donnerstag, 19. März 2026

Mensch sein ist inzwischen uncool

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Mensch sein ist inzwischen uncool

Nun, zuerst hatte ich die Idee, diesen Erguss »Irrenhaus« zu nennen. Doch der neue Titel trifft es besser. Denn alles ist »cool« heute. Eine voll coole Welt um mich her! Alles bestens. Optimal. Voll cool eben.

Das alles wird verständlicher, wenn ich mir klar mache, dass cool »überlegen« meint. Und überlegen Sein ist natürlich toll. Super. Cool eben. So gut wie Alle wollen das sein. Bedeutet natürlich, zu Ende gedacht, »Die totale Konkurrenz«. Klingelt da gerade was in meinem Kopf? Da sagte (bzw. fragte) doch mal jemand, der für Propaganda zuständig war, gegen Ende von zwölf Jahren, ganz offen und direkt so was sinngemäß sehr Ähnliches … Ach ja, noch was: Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht, dass »toll« auch eine andere Bedeutung hat – oder vielmehr hatte: Es meint auch »verrückt«, »besessen«, »durchgeknallt«, »außer sich« …

Und interessant – dieser Text »entwickelte« sich über mehrere Tage. Und mit allem, was ich sehe, spüre und lese kommen neue Aspekte hinzu. Ich könnte hier schreiben und schreiben, mich endlos wiederholen. Tue ich ja bereits. Inzwischen erleuchtet es mir den Tag, wenn ich etwas Anderes erlebe, meist etwas ganz Kleines: Eine winzige warme, fürsorgliche Geste, oder einen Blick, der mir eine Präsenz des Anderen zeigt, ein sich spontan ergebendes Gespräch, ein [echtes] Aufleuchten in Deinem Gesicht, … Das sind die Ausnahmen, die mir die vielen selbstgerecht-stolzverzerrten Gesichter für einen Moment erträglicher machen, mich daran erinnern, dass es [immer noch] fühlende Mitmenschen um mich her gibt …

So also bewege ich mich durch eine ultracoole Welt. Nun ja, so gut ich halt kann. Wie soll ich das beschreiben? Ich habe das ja an anderer Stelle schon mal probiert. Es fühlt sich so an als ob ich nicht Luft um mich hätte, sondern mich in einer Atmosphäre aus zähem Honig bewegte, und gelegentlich habe ich auch gewisse Anwandlungen: Trifft es gar den Punkt zu sagen, ich bewegte mich in Feindesland? Und mir passiert nur deshalb nichts, weil ich zwar offenbar vielen suspekt bin, doch es noch keinen Grund gibt, mit dem Finger auf mich zu zeigen und »Verräter!« zu brüllen?

Doch wieso kam mir dann »Irrenhaus«? Ist doch alles in Ordnung, nicht wahr? Nun, noch, zumindest für die überwältigende Mehrheit um mich her. Das Irrenhaus ist doch höchstens in der Politik, nicht wahr? Aber doch nicht hier, im Alltag!? Und wenn, dann bin doch ich der Sonderling, der hier nicht hinpasst, der »irre« ist und stört.

Inzwischen wird mich außerhalb (und wer weiß, auch innerhalb …?) meiner Wohnung zu bewegen immer riskanter – wohl, weil ich nicht mehr mit der Geschwindigkeit der Gaming-geübten jungen Leute mithalten kann? Auch habe ich inzwischen oft Probleme, mit der Sprechgeschwindigkeit junger Landsleute mithalten zu können: Zuweilen dauert es lange Sekunden bis ich merke, dass die ja Deutsch sprechen … Zudem habe ich seit einigen Monaten den Eindruck, dass auch der letzte Rest eines Miteinanders aus dem meisten gewichen ist. Jede/r bewegt sich so, als sei er oder sie alleine unterwegs. Ich muss dauernd aufpassen, sonst werde ich angerempelt oder gar umgerannt. Selbstverständlich kommt dann selten ein »Entschuldigung!«, sondern bestenfalls (wenn überhaupt) ein erboster Blick und gelegentlich sogar so was wie »Blödmann!« oder »Arschloch!«. Was früher eine Art Tanz war ist jetzt nur noch »Ich will dort hin! Hast halt Pech gehabt, wenn du mir im Weg stehst!«.

Ja, ich weiß, das ist die gefühlt hundertste Wiederholung meines Gejammers/Geschwurbels, und ich verstehe Alle, die spätestens jetzt aufhören zu lesen. Tschüs dann, und einen guten Weltuntergang! Na klar – wenn die Dinge dann dramatisch geworden sind, wird wieder mal niemand irgendwas auch nur geahnt haben können, von denen, die übrig bleiben. Es kam doch alles wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wie eine Naturkatastrophe! Einfach so. Null Entwicklung, null Kontext.

Nun ja – ich sei »ein alter Sack, der Schwierigkeiten damit hat, dass die Zeiten sich geändert haben«. Das hat mal jemand zu meinem Geschreibsel hier gesagt. Ja, das trifft einen Punkt. Ich finde es zum Beispiel Scheiße, dass sich inzwischen die Prophezeiung von Herrn Jobs bewahrheitet hat, der uns Allen vor vielen Jahren mit einer »digitalen Nabe« unseres Lebens gedroht hat. Ist schon ein paar Tage her, und da lebte er auch noch, doch seine Produktankündigung/Prophezeiung ist leider wahr geworden.

Diese kleinen Geräte, von denen die mit dem Apfel dann die Testversionen für die »Volksausgaben« waren, sind heute das Zentrum des Lebens praktisch Aller unter Mitte fünfzig – und meist auch schon für die darüber. Nur in der Generation 80 plus sind das deutlich weniger. Und wenn es da aus diesem kleinen Kästchen etwas zu sehen und/oder zu hören gibt, muss alles andere zurücktreten: Sie sind eben die Nabe der Welt geworden. Oder vielleicht besser: der Nabel? Denn dieser Tsunami von Eitelkeit und extremem Narzissmus, den ich sich über die Welt wälzen sehe braucht diese(n) Nabe(l). Das ist seine wichtigste treibende Kraft. Inzwischen wohl weltweit – nicht mal in Havanna ist das anders. Im Moment haben sie allerdings nur wenig Strom, ihre Zauberkästchen nachzuladen. Wäre sehr interessant zu erfahren, was hier bei uns passieren würde, wenn die Naben mal festgehen.

So bin ich derjenige, der inzwischen wie ein Luchs aufpassen muss: Wann immer sein (oder ihr) Gerät jemandem um mich her etwas Dopamin zu applizieren verspricht, bleibt man abrupt wie angewurzelt stehen und schaut auf den kleinen Bildschirm – egal, wo man sich befindet. Ach so, Autos hupen, weil man dabei auf der Fahrbahn steht? Nun, das äußerste der Gefühle ist ein gnädiger Schritt ein, zwei Meter weiter. Kein Blick, kein Zeichen der Entschuldigung: Man hat schließlich das Recht dazu. Ist heute so. Gewöhn dich dran, du alter Sack. Bist eh bald weg.

Ja, ich bin nostalgisch: Damals war ein Miteinander noch wichtig – bis vor vielleicht gut dreißig Jahren noch sehr direkt. Mit Anschauen, Reden und sogar Diskutieren – auch mit jemandem, der heute einfach so als »Nazi«, »Verschwörungsideologe« oder »Schwurbler« [etc., etc.] weggewischt wird. Doch schon damals änderte sich das langsam, ganz langsam. Bereits Mitte der neunziger Jahre bekam ich erst eine Ahnung, dann mit den Jahren zunehmend den Eindruck, dass das soziale Tier Mensch immer mehr verlernt, sozial zu sein. Es begann ganz langsam, beinahe unmerklich, wurde dann immer schneller. Inzwischen glaube ich eine Beschleunigung im Wochentakt zu sehen.

Ich weiß – liegt alles an meinem Alter. Vielleicht verstehe ich da was nicht. Geschwindigkeit ist inzwischen ja längst Selbstzweck geworden, im übertragenen wie ganz wörtlichen Sinne. Das war zwar wohl schon so, bevor es mich gab, doch ich habe womöglich die Jahrzehnte mit einer extremen Beschleunigung dieses Trends mitbekommen.

Neulich wurde ich durch irgendwas mal wieder an die Zeit der optischen Medien erinnert, die seit etwa fünfzehn Jahren zunehmend obsolet geworden sind. Und mit dieser Erinnerung kam mir auch gleich ein gutes Beispiel für den Irrsinn dieses »Hauptsache schnell«. Nun ja, es gibt sicher noch bessere. Aber das habe ich eben gerade zur Hand, und die dummen Fragen dazu kamen mir schon damals …

Da war doch das mit dem »Kult« um die Brenngeschwindigkeiten für CDs und DVDs … Und schon damals fragte ich mich irgendwann, was das denn sollte? Ich will das hier nicht bis ins Detail auswalzen; das führt zu weit. Nur so viel: Mit diesen Zweifeln im Kopf entschloss ich mich, das mal ganz praktisch auszuprobieren und überspielte dafür als Test mal einen Film auf DVD, mit drei verschiedenen Brenngeschwindigkeiten.

So brannte ich den Film jeweils auf einen Rohling – einen zunächst mit vierfacher Geschwindigkeit, dann einen weiteren mit achtfach und schließlich noch einen mit sechzehnfach. Ich hatte einen guten Brenner zur Verfügung und ordentliche – will heißen, Markenrohlinge. Alles lief durch wie es sollte. Danach mal anschauen auf dem Fernseher: Die Vierfach-Version war von der Originaldatei (zum Vergleich vom Rechner aus eingespielt) praktisch nicht zu unterscheiden. Die Achtfach-Version hatte schon ein paar »weiße Mäuse« (sprich: ein ganz feines weißes Rauschen) im Bild – sie fielen zwar nur im direkten Vergleich mit dem Original wirklich auf, aber immerhin. Die Sechzehnfach-Version hingegen hatte schon deutlich ganz feinen »Schnee« im Bild – ich brauchte dazu auch keinen direkten Vergleich mehr. Es fiel mir sofort auf, sehr deutlich vor Allem in den dunkleren Bildbereichen.

Selbstverständlich spielen hier Dinge wie Exzentrizität/Unwucht/Höhenschlag des Rohlings eine Rolle. Allerdings war für mich ein Trend klar sichtbar, und darauf will ich hinaus: Hier gab es einen offensichtlichen Qualitätsverlust! Ganz abgesehen davon, dass der »Schnee« (dieses feine Bildrauschen) mit Sicherheit noch mehr würde, je mehr die Alterung der Farbschicht auf der DVD voranschritt. Wo also liegt der Sinn darin, etwas besonders schnell, aber schlampig und kurzlebig herzustellen? Mir altem Sack leuchtet das nicht ein. Nun, es ist halt die neue Zeit. Alles schwadroniert pausenlos von Nachhaltigkeit und »Rettung der (Um-)Welt«, doch die Praxis sieht eher nach dem Gegenteil aus.

Nein, seit geraumer Zeit werden Dinge hauptsächlich deshalb getan, weil sie »überlegen« sind: Schneller ist zum Beispiel grundsätzlich besser. So gut wie immer, unter praktisch allen Umständen. Quantität ist inzwischen [fast] immer besser als Qualität. Breite ist viel besser als Tiefe. Überall. Hat man heute so. Ist cool, Alta.

Mein kleiner Exkurs eben sollte ein Beispiel dafür sein, wie von den allermeisten unhinterfragt Dinge verfolgt werden, die im Grunde genommen und nach menschlichen Maßstäben zu Ende gedacht irre sind. Nun, für mich zumindest. Man kann das auch ganz anders sehen – als »schneller leben« etwa. Denn so leben auch offenbar viele inzwischen im »Fast Forward«-Modus: Möglichst viel in der kürzest möglichen Zeit »erleben«, zusammenraffen, »mitnehmen«. Das ist dann so was wie der Zwanzigjährige mit 25 Jahren Auslandserfahrung. Auch hier (aus meiner Sicht zumindest): Quantität anstatt Qualität. Es ist zudem heute unfassbar wichtig, vor sich selbst und der Welt als souverän und überlegen dazustehen. Gut auszusehen also. Dann kommt lange erst mal nichts mehr.

Und nichts, und weiter nichts. Gut, so was lässt sich prima als Lebensinhalt definieren. Die Werbung hilft uns dabei. Sie ist unser bester Freund, uns einen Hyperindividualismus zu verkaufen – während man gleichzeitig »dazugehört«. Wer einigermaßen Englisch versteht, möge sich dazu mal den Film »Planet Mind Control« anschauen. Der war auch für mich ein Aha-Erlebnis. Ich finde allerdings, dass bestimmte Dinge überspitzt werden – zum Beispiel die Idee, dass Alkohol und Kaffee quasi »das Böse« repräsentieren. Denn Bewusst und in Maßen genossen sind das sehr alte (Kultur-)Drogen, die durchaus ihre Reize und Vorteile haben. »Es ist die Dosis, die das Gift macht«, sagte einst Paracelsus und formulierte damit eine uralte Weisheit. Das gilt auch hier. Dass wir allerdings durch die im Film geschilderten Dauer-Wiederholungen pausenlos zu einem »Zuviel« verführt werden mag durchaus stimmen. Allerdings ist es aus meiner Sicht auch im Film mit den Wiederholungen übertrieben worden (Absicht?) und macht ihn unnötig langatmig. Auch das Thema »Auflösung der Männlichkeit« im Film sehe ich sehr ambivalent. Ja, ich kann dem bedingt zustimmen und spreche es inzwischen auch offen an. Doch auch hier ist das gesunde Maß, eine gute »Mischung« von Eigenschaften, eine Balance entscheidend. Weder das eine noch das andere Extrem sind hier hilfreich.

Wir sollten hier sehr wachsam sein. Denn ich frage mich auch, ob mit diesem Film mal wieder Feuer mit Feuer bekämpft wird: Ein »gesundes« Maß für uns und unser Leben werden wir nämlich so niemals finden … Und das ist womöglich das Ziel von alldem: Unser Gefühl und unseren gesunden, aus direkter Lebenserfahrung geschulten »gesunden Menschenverstand« für ein gesundes (oder besser: menschliches) Maß der Dinge zu verlieren. So gesehen ist dieser ansonsten sehr aufschlussreiche Film auch ein Teil der heute allgegenwärtigen »Mindcontrol«-Versuche und zudem so was wie ein Werbefilm für jemanden, der sich als Lebenscoach vermarktet.

Und ja – natürlich funktionieren all diese dort geschilderten Techniken auch bei mir. Ich werde fortan noch wacher sein, um zumindest die plumpsten psychischen Überrumpelungsversuche zu erkennen … Aus meiner Sicht wäre ein zentraler Teil unserer Gegenwehr gegen diese allgegenwärtigen Einflussnahmen, unseren Konsum von Social Media sowie weiteren Medieninhalten stark zu reduzieren – zugunsten persönlicher Begegnung und persönlichem Austausch! Und vielleicht hilft es ja auch die fixe Idee loszulassen, es gäbe »das Patentrezept für ein glückliches Leben« …

Wie nannte George Orwell unsere innere »Spaltung« noch mal in seinem Roman »1984«? »Doublethink« (»Doppeldenk«)? Das meint, mit Überzeugung und ohne Knoten im Hirn zwei Sichten auf sich und die Welt zu haben, die sich gegenseitig komplett ausschließen.  Offenbar ist dies für die weitaus meisten inzwischen völlig okay. Stimmt so. Abgesehen davon, dass ich das irre finde: Wenn euch das reicht, ist das doch wunderbar. Für euch zumindest. Aus meiner Sicht ist es aber eine unfassbare Verarmung, ein Betrug aneinander. Inzwischen ist es über ein Vierteljahrhundert her, da kam mir mal der Satz: »Ich würde mich wegwerfen für einen Blick in dein [wirkliches] Gesicht.« Davon sind wir heute noch weiter entfernt als damals. Ich leide darunter. Nun, das ist mein Problem, denn die weitaus meisten fühlen sich offenbar sauwohl damit. Damit muss ich mich abfinden, und diese Entwicklung ist ja sehr wahrscheinlich noch lange nicht an ihr Ende gelangt.

Ich bekomme es zu spüren, dass ich [meistens] nur schlampig (oder, mein Gott, gar nicht!) »maskiert« bin. Das ist nämlich etwas, das heute gar nicht mehr geht. In einer Zeit, wo sich alles, aber auch wirklich alles darum dreht gut auszusehen (im wörtlichen wie übertragenen Sinne) ist das mehr und mehr die ultimative Provokation.

Vor langer Zeit hat Albert Schweitzer – ja, der Albert Schweitzer, der das mit der »Ehrfurcht vor dem Leben« geprägt hat – etwas geschrieben, das ich eben gelesen habe und was mir hilft zu verstehen, dass die Gedanken und Wahrnehmungen, die ich hier zum Besten gebe, zumindest einen Hauch »Bodenhaftung« haben:

»Aber wie oft bäume ich mich innerlich auf: Was leide ich darunter, daß wir Menschen so viele Zeit des Zusammenseins unnütz miteinander zubringen, statt uns in ernster Weise über erste Dinge zu besprechen und uns einander als strebende, leidende, hoffende und glaubende Menschen zu erkennen zu geben! Oft empfinde ich es als geradezu schlecht, so in der Maske dazusitzen. Gar manchmal frage ich mich, wie weit man mit dieser Wohlerzogenheit gehen darf, ohne Schaden an der Wahrhaftigkeit zu nehmen.

Treffe ich auf Menschen, mit denen man sich als denkender Mensch auseinandersetzen darf, so genieße ich sie mit Leidenschaft, als wäre ich so jung wie damals. Kommt mir aber gar ein junger ernster Diskutierer in den Weg, so gebe ich mich zu fröhlichem Fechten her, bei dem der Altersunterschied im Guten wie im Bösen außer Geltung gesetzt ist. […] (Seite 44)

Sicherlich müssen wir uns dagegen anhalten, einer dem anderen gegenüber taktvoll zu sein und nicht ungerufen an seinen Angelegenheiten teilzunehmen. Dabei haben wir uns auch der Gefahr bewußt zu bleiben, die in dieser durch das tägliche Leben gebotenen Zurückhaltung liegt. Es darf nicht sein, daß wir uns dem Unbekannten gegenüber in absolute Fremdheit bannen lassen. Kein Mensch ist jemals einem Menschen ein vollständig und dauernd Fremder. Mensch gehört zu Mensch. Mensch hat Recht auf Mensch. Große und kleine Umstände können eintreten, die die Fremdheit, die wir uns im täglichen Leben auferlegen müssen, außer Kraft setzen und uns als Mensch zu Mensch miteinander in Beziehung bringen. Das Gesetz der Zurückhaltung ist bestimmt, durch das Recht der Herzlichkeit durchbrochen zu werden. So kommen wir alle in die Lage, aus der Fremdheit herauszutreten und für einen Menschen Mensch zu werden. Zu oft versäumen wir es, weil die geltenden Anschauungen von Wohlerzogenheit, Höflichkeit und Takt uns unsere Unmittelbarkeit genommen haben. Dann versagen wir einer dem anderen, was wir ihm geben möchten und wonach er Sehnsucht hat. Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir nicht wagen, uns so herzlich zu geben wie wir sind.« (S. 54)

(Albert Schweitzer: Glauben, Lieben, Handeln – Europäischer Buchklub 1957)

Nun, wohlerzogen, höflich und taktvoll werden heute anders definiert als zu der Zeit, die Albert Schweitzer hier beschreibt. Andere menschliche Sicht- und Verhaltensweisen sind an ihre Stelle getreten, die ich bereits mehrfach erwähnt habe. Die Folge daraus bleibt aber die gleiche, die Albert Schweitzer daraus gezogen hat, auch wenn die Gründe, aus denen wir nicht wagen uns zu geben wie wir sind aus meiner Sicht heute andere Schwerpunkte haben als damals. Damals waren wir zu zurückhaltend, heute sind wir das Gegenteil: Stars, die ein Recht darauf haben, dass man ihre »Show« nicht nur gut findet, sondern auch beklatscht. Und die verdammt noch mal nicht damit konfrontiert werden wollen, dass es eine Show ist, die sie da abziehen. Denn das Credo der heutigen Zeit lautet: »Ich will mit mir nichts zu tun haben!« Denn ich bin derjenige, der bestimmt wer ich bin, und nicht irgendwas tief in mir, was mich als Menschen ausmacht – aber nach den heutigen Maßstäben eben »nicht gut aussieht«.

Wir sind die Stars unserer Show der Grandiosität. Wir machen die Regeln. Unsere Regeln, nach denen alles Leben zu tanzen hat. Wir sind damit jetzt wie Goethes »Zauberlehrling«, der den Zauber zwar zuverlässig herbeirufen, ihn jedoch nicht mehr stoppen kann. Doch dass das mit dem Abstellen des Zaubers nicht funktioniert haben so gut wie Alle noch gar nicht begriffen … Noch können wir nicht genug kriegen, wollen immer mehr und noch mehr davon. Macht ist die ultimative Droge, und wir alle sind inzwischen voll »drauf«. Und ja – ein gutes Stück auch ich. Mir fällt es aber immerhin noch auf, noch …

Wir haben als Spezies jedoch nur dann eine Chance, wenn wir (noch) rechtzeitig lernen, damit vernünftig – will heißen, das Leben heiligend – umzugehen. Wenn nicht, sind wir verloren. Das betrifft auch unsere »Eliten«, die gleicher sind als alle. Es wird nur ein Bisschen länger dauern, bis das Verderben auch sie erreicht. Denn irgendwann geht zum Beispiel auch auf der abgelegenen Luxusinsel oder auf der auf dem weiten Meer treibenden Luxusyacht das Essen und das saubere Wasser aus, von sauberer Luft ganz zu schweigen …

Wir haben leider schon länger alle Energien in die »falsche« Richtung investiert und tun es noch. Wenn wir die Ressourcen, die wir bislang in diese Richtung investieren (im wörtlichen wie übertragenen Sinne) für uns, wirklich für uns investiert hätten wäre die Welt ein wahrlich paradiesischer Ort, und wahrscheinlich auch für unsere übrigen Mitbewohner … Natürlich gäbe es auch Leid in diesem Leben, doch wir würden damit anders umgehen. Es wäre Teil des Ganzen, so wie es nur Leben geben kann, weil es auch den Tod gibt.

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