Mittwoch, 15. April 2026
Spätes Verstehen
Spätes Verstehen
Es hat lange gedauert, doch heute hatte ich so was wie ein Aha-Erlebnis: Was hat sich da in den letzten vier bis sechs Monaten verändert, das ich dauernd wahrnehme? Nun, vielleicht bin ich nun ja auch endgültig »verrückt« – das ist eben vor Allem eine Frage des Blickwinkels. Doch es gibt verschiedene Indizien, die mir eine Rückmeldung geben, dass an meiner Wahrnehmung zumindest »was dran« ist. Das alles ist keinesfalls »neu«: Es ist zum Beispiel ein wichtiger Grund, warum es mein Geschreibsel hier überhaupt gibt. Nur das Ausmaß ist neu – ich habe den Eindruck, dass in den vergangenen Monaten diese Entwicklung noch mal einen heftigen »Sprung« gemacht hat.
Nun, was ist es? Es hat damit zu tun, wie die allermeisten um mich her Dinge tun – wie sie sich im Alltag bewegen und geben. Mir ist nämlich auf einmal klar geworden, dass wir alle, meistens unbewusst, auf die Anderen um uns her reagieren. Zumindest war das bisher so. Dies mag vielen banal erscheinen und ist es wohl auch. Womöglich bin ich einer der Letzten, bei denen »der Groschen gefallen« ist?
Ich muss es hier noch mal wiederholen: Was ich nun beschreibe ist Symptom, nicht Ursache. Die Symptome folgen aus einer Ursache, und die würde ich als einen bestimmten Bewusstseinszustand umschreiben. »Bewusstseinszustand« kommt noch vor Gedanke, vor »Meinung« – der Bewusstseinszustand ist die Grundstruktur, meine Art des in der Welt Stehens, auf und in der alle Gedanken und Meinungen erst entstehen. Ich wiederhole mich also aus aktuellem Anlass hier nur noch mal: Es ist die Art, wie man denkt, und weniger, was man denkt – so, als ob sich alle Gedanken nach einer bestimmten Struktur ausgerichtet hätten. Wobei eben diese Struktur ausschlaggebend und wichtig ist, was auf ihr »abläuft« jedoch eher nebensächlich. Diese Struktur besteht gewissermaßen aus unbewussten, »bekannten« (oder vielleicht besser: vertrauten) (Gedanken-)»Straßen« – ganz anders, als wenn ich mich zum Beispiel durch »unbekanntes Terrain« bewegte.
Ich spreche hier von den winzigen Gesten, der Körperhaltung, von einem kaum wahrnehmbaren Innehalten in bestimmten Situationen, wie einem Hauch von langsamer Werden, wenn man sich auf der Straße ausweichen muss, weil es eng wird. Es war bisher ein Bisschen wie miteinander tanzen – eine Art subtiler Kommunikation, auch mit völlig Fremden, die aber doch auf eine geheimnisvolle Art eine gemeinsame »Wellenlänge« hatte. Es geht also um diese winzigen … nun, ich nenne es mal »Signale«, in der Regel unbewusst-nonverbal, mit denen wir Menschenviecher einander bislang signalisiert haben, dass wir uns gegenseitig als menschliches Gegenüber wahrnehmen, jetzt miteinander hier sind.
All diese winzigen Signale sind nun bei fast Allen weg. Es gibt sie einfach nicht mehr. Es ist auf eine Weise so, als ob sich jeder ganz allein bewegt, mit niemandem um sich her. Und wenn Andere da sind, werden sie anscheinend meist nur noch als so was wie nervige Hindernisse wahrgenommen, die anders als etwa ein Laternenpfahl oder ein Supermarktregal nur bedingt »berechenbar« sind.
Und gleichzeitig ist es das eben auch nicht. Denn mein Eindruck ist, dass wir uns eben doch (noch) wahrnehmen. Doch die Anderen sind uns völlig egal. Sie stehen uns gar meist im Weg und stören so unser Vorankommen: »Ich will, ich tue. Und du stehst mir dabei im Weg!« Denn heute hat jeder das Recht, das zu tun was er tun will, hat das verdammte Recht, »sein Ding durchzuziehen«, und wenn einem dabei jemand im Weg ist …
Das ist das gut verpackte Credo, das uns explizit und implizit aus fast Allem entgegenschreit. Dieses aggressive Verachten von Selbstreflexion, dieses von überall bestätigte »Wenn ich es so empfinde, dann ist es so!« macht etwas mit uns. Je mehr wir darauf »einsteigen«, desto schwerer tun wir uns, unsere Sicht auf die Welt und auf uns selbst in irgendeiner Form infrage zu stellen – sie zu ergänzen oder gar ganz zu ändern. Inzwischen frage ich mich, wieviel davon eine »Dynamik der Entwicklung« (der »Moderne«?) ist und wieviel davon Teil eines gezielt gesteuerten Kulturkrieges …
Andere »nerven« uns zudem umso mehr, je mehr wir sie dann noch in die Kategorie »uncool« (als [mein] Sammelbegriff für »geht gar nicht«) stecken können. Das heißt, sie sind dann aus diesem oder jenem Grund für uns »ganz unten« in unserer sozialen Hierarchie. In der Regel sind es Dinge, die jemand tut (oder wie jemand ist), die nach gängigen Vorstellungen eben nicht »besonders« sind, die nicht den schreiend bunten »Okay-Stempel« unseres zertifizierten »Machens« tragen. Das ist zwar eigentlich ein Widerspruch, auf den ich bereits an anderer Stelle hingewiesen habe. Doch er fällt niemandem auf …
Wir setzen damit jetzt im Alltag untereinander das um, was bisher vor Allem »von oben« geregelt wurde: Wir entscheiden inzwischen, ob jemandem überhaupt ein »Wert« zugestanden wird oder nicht. Und die Kriterien dafür sind inzwischen sehr eng geworden … Wie wunderbar erleichternd muss es für »die da oben« sein, wenn wir die ihnen nützlichen Standards wie mit einem Transmissionsriemen »nach unten« weitergeben und dabei in immer mehr Grüppchen zersplittern, die sich dann auch noch praktischerweise gegenseitig mehr und mehr bekämpfen … Dieses Prinzip begegnete mir in seiner »nackten« Form zuerst beim Militär.
Solch ein Grund, warum jemand für uns »ganz nach unten rutscht« kann vieles sein, wie »falsche« Kleidung bzw. »falsches« Outfit, »falsches« Alter, »falscher« Gesichtsausdruck, fehlende(s) »Zeichen des besonders Seins«, oder, oder, oder. Eben irgendwas »Uncooles« – und je nach eigener Sichtweise kann das so ziemlich alles sein bzw. werden: Eben etwas, von dem du ganz sicher bist, von dem du ganz sicher weißt, dass es nicht »stimmt«, es »gar nicht geht«.
So sehr, dass du dich »von so was« provoziert fühlst, denn die Welt hat dir gefälligst das Bild zu spiegeln, das du von dir hast: also deine Großartigkeit, dein Können und Wissen, dein gutes Aussehen, dein souverän über den Dingen Stehen. Tut sie das nicht, hast du verdammt noch mal alles Recht, dich zu »beschweren« – wobei das heute meistens nonverbal geschieht: Zeige dein genervt Sein, ja deine Verachtung!
Natürlich gab es immer schon eine ganz kleine Minderheit, die so »unterwegs« war; die glaubte, sich das »leisten« zu können (und das meist auch konnte). Doch aus der winzigen Minderheit wurde über die vergangenen drei, vier Jahrzehnte eine Minderheit, aus der eine große Minderheit, und aus der nach und nach, langsam aber sicher eine Mehrheit, und inzwischen sind es fast Alle. Es hat so was wie eine glatte Umkehrung stattgefunden.
All das ist heute völlig okay, ja zeigt, wie »modern« du bist – und grenzt dich klar von so alten, altmodischen Leuten wie mir ab. Das alles ist nichts Neues. Vermutlich war ich selbst so »drauf«, als ich jung war. Neu scheint mir jedoch die Radikalität dieser Haltung zu sein, diese »Unbedingtheit«: Es ist heute unfassbar wichtig, jegliche Ahnung, dass du auch eine offene, verletzliche Seite hast vor dir selbst und den Anderen zu verstecken.
Diese Seite war »früher« für mich bei vielen sichtbar – beim einen mehr, beim anderen weniger. Aber bei den meisten. Die »ultracoolen« gab es auch schon, doch sie waren eine ganz kleine Minderheit – siehe oben. Heute sind sie die absolute Mehrheit. Es kostet mich viel Kraft, mich in einer solchen Umgebung zu bewegen. Für mich ist es immer beinahe ein Schock, wenn mir jemand begegnet, der schnell »auftauen« kann.
Leider gibt es so gut wie keinerlei Wertschätzung und Verstehen (mehr) dafür. Das ist auch der Grund, warum es immer große Geschenke des Augenblicks für mich sind, die mein Gegenüber womöglich sogar leicht verlegen zurücklassen, weil es nicht nachvollziehen kann, was mich da spontan begeistert. Es ist jedoch leider nicht mal mehr ansatzweise vermittelbar. Ich erlebe da wohl die letzten Reflexionen, den Nachhall von etwas, das gute Chancen hat, für immer zu verschwinden. Da wird etwas aus der menschlichen Seele amputiert, gelöscht – vielleicht sogar die Seele selbst –, das wie verlorene Finger oder verlorene andere Gliedmaßen nicht mehr nachwachsen wird, wenn es einmal verloren gegangen ist.
Und ich weiß nicht mal, ob ich selber noch ein Geschenk sein kann, wenn ich denn hin und wieder einem Gegenüber begegne, das immerhin noch »Antennen« dafür hat …
20. April 2026 – Todd Hayen hat mal wieder einen kompletten Beitrag kostenlos auf seine Seite »Shrew Views« gestellt. Darin befasst er sich mit einer Beobachtung, die er als Therapeut inzwischen häufig macht. Er nennt das »Verlust von Tiefe«. Auch er schreibt, dass er sich immer wieder freut, wenn er Ausnahmen zu dieser (aus seiner Sicht allgemeinen) Entwicklung sieht. Doch der Trend, den er da beschreibt, den sehe ich auch und frage mich, wo uns das hinführen wird. Ich würde mir wünschen, dass sich eine Umkehr abzeichnet – dass wir wegkommen von immer heftigeren »Dopamin-Hits«, doch leider sehe ich in der Regel das Gegenteil: Die Droge »Macht« (bzw. Kontrolle) ist einfach unwiderstehlich … Das haben auch die Sozialingenieure schon vor längerer Zeit entdeckt und peitschen uns Alle regelrecht darauf ein. Es ist die »Demokratisierung« eines Bewusstseinszustandes der uns blind macht dafür, dass wir kollektiv in Richtung Abgrund laufen.
Und gleich noch was – der Einfachheit halber an dieser Stelle. Eben las ich das Interview mit Stephen Kapos bei den »Nachdenkseiten«, das der Journalist Hassan Al Khalaf mit diesem Holocaust-Überlebenden führte. Stephen Kapos ist ein jüdischer Friedensaktivist. Das Gespräch hat mich einmal mehr nachdenklich zurückgelassen. Ich empfehle es Allen, die den Unterschied zwischen Judentum und Zionismus (noch) nicht kennen und glauben, alles, was uns als »Antisemitismus« verkauft wird sei auch welcher …