Mittwoch, 10. Juni 2026

Gott ist tot?!

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Gott ist tot?!

Wiederholt sich gerade etwas – etwas, in dessen Resten und Überbleibseln ich aufgewachsen bin? Ich meine von der Struktur her, von der Gestalt her? Erlebe ich gerade von Neuem die Zerstörung in den Menschen, bevor sie sich dann im Außen ausdrückt, sie sich dort, nun unübersehbar, wiederholt? Nun – heute sind die Machtmittel, die uns zur Verfügung stehen, um ein vielfaches wirkmächtiger als die von »damals« – auf allen Ebenen

Als ich fünf war, habe ich in den Trümmern Darmstadts, meiner Geburtsstadt, gespielt. Nun, ich schreibe »fünf«, weil meine Erinnerung gerade dorthin zurückkehrt. Ich erinnere mich noch, dass die Goldruten viel größer waren als ich. Ich bewegte mich durch eine Art Wald aus Stengeln, die mich fast um das Doppelte überragten. Heute ist »so was« schlicht undenkbar. Denn heute müssen die Köpfe der Kinder mit Helmen geschützt sein, wenn sie sich irgendwo draußen bewegen. »Draußen« ist heute gefährlich – selbst wenn sie sich auf einer gemähten Wiese im Park befinden und nicht in einer Trümmerwüste wie ich damals.

Manchmal kommt diese Erinnerung wieder, wenn ich auf Goldruten treffe, die mehr als einen Kopf größer sind als ich – also über zwei Meter hoch. Die sind selten, doch es gibt sie. Solche Erinnerungen kommen inzwischen immer öfter hoch, neben vielen weiteren, denn der größte Teil meines Lebens liegt jetzt hinter mir. Das, was noch kommen mag ist »die Zeit, die mir noch bleibt«: Zwei Tage? Zwei Monate? Ein Jahr? Zehn Jahre, gar fünfzehn? Wie auch immer – es ist eine überschaubare Zeit. Zeit, Abschied zu nehmen.

Zeit … In letzter Zeit bin ich, wenn ich mal wieder bei »YouTube« herumstöbere, meist bei historischen Mini-Dokus hängen geblieben. Nun ja, der Algorithmus hat da nachgeholfen – je nachdem, was ich anschaue, von dem wird mir mehr angeboten. Das sind alte Filme von deutschen Städten, oder auch Fotos – mit Erläuterungen und historischen Details. Manchmal wurden sie mit moderner Software nachkoloriert oder mit Hilfe von KI zu »Virtueller Realität« aufbereitet. Dann gibt es kleine animierte Details wie fliegende Vögel oder fahrende Kutschen, die die Ahnung, wie das wohl »damals« war ein wenig auspolstern.

In letzter Zeit wurde eine leise Frage, die mich auch früher schon immer wieder mal eingeholt hat, konkreter. Diese alten Foto- und Filmdokumente, egal ob aufbereitet oder nicht, zeigen etwas, das in den Jahren des Zweiten Weltkriegs bis auf kleine Reste verschwunden ist: Über Jahrhunderte gewachsene Stadtstrukturen in einer Pracht, die, gäbe es diese Bilder und Filme nicht, sprichwörtlich unvorstellbar wäre. Unvorstellbar – für mich als Nachgeborenen unvorstellbar.

Für mich, der als Kind nur noch in den Trümmern dieser Pracht spielte – in einem Meer aus mehr oder weniger zerstörten Ziegelsteinen, manche einzeln, manche als Klumpen, noch mit Mörtel verbunden. Aus diesen wie sanfte Wellen aussehenden Trümmerhügeln ragten hier und da noch Mauerreste hervor, aus denen verbogene und verrostete Eisenträger und Rohre in die Luft stakten. Dazwischen verstreut undefinierbare, völlig verrostete Metallteile, Porzellan- und Glassplitter, und hier und da ein verkohltes Stück Holz. Und über Allem diese Goldruten.

Manchmal reichten zwanzig Minuten, um eine Stadt unwiederbringlich zu zerstören. Und meine Existenz in dieser Form verdanke ich einem Schritt meiner Mutter – einen halben Meter nach hinten in den Bereich des Kellers, der eine Kappendecke statt glatter Betondecken hatte. Das Haus bekam in diesem Moment einen Volltreffer. Alles mit glatten Kellerdecken stürzte ein, der Teil mit der Kappendecke hielt stand.

Sie erzählte auch, dass sie keine Ahnung hatte, warum sie mitten in einem angeregten Gespräch mit einem gleichaltrigen jungen Soldaten im Kellergang direkt vor ihr diesen Schritt machte. Er saß vor ihr im Gang mit der glatten Decke auf einer Holztruhe. Sie hätten noch einen Versuch gemacht, ihn zu finden und herauszuziehen, doch er sei einfach weg gewesen … All das ist fast auf den Tag genau zehn Jahre vor meiner Geburt passiert.

Ich denke, viele der Älteren, von denen inzwischen die meisten nicht mehr unter uns sind haben so ähnliche Geschichten erzählen können. Oder gar noch dramatischere. Von den Männern, die an der Front gekämpft haben ganz zu schweigen. Warum ich das alles erzähle? Weil wir heute wieder auf einen Krieg zusteuern. Der ist aus meiner Sicht schon wieder in den Menschen, aber noch nicht »draußen«. Noch nicht. Ist nur eine Frage der Zeit. Und es ist offen, in welcher Form er sich zuerst »zeigt« – ob eher als eine Art Bürgerkrieg oder in Form von dem, was die meisten (ich eingeschlossen) gemeinhin darunter verstehen. Vielleicht ja Beides – gleichzeitig, parallel. Denn für mich ist dies alles seit ein paar Jahren viel weiter gefasst, für die weitaus meisten aber offenbar nicht.

Warum ich das alles erzähle? Weil ich mich immer mehr frage, wohin wir gehen. Und ja – vielleicht bin ich das, was Kurt Tucholsky mal »Kleinzeitler« nannte. Mir fehlt wohl einfach die Phantasie zum großen Bogen, die Vorstellungskraft, von der Zeit »vor mir« über meine Lebenszeit den Bogen hin zu einer Vorstellung einer (wie auch immer gearteten) Zukunft zu schlagen. Ich zapple hier rum und strenge mich an, komme aber kaum weiter.

Was waren »diese zwölf Jahre«, die in eine unvorstellbare Orgie der Gewalt und Zerstörung mündeten, für eine Zäsur? Was ist da unwiederbringlich verloren gegangen? War diese Zäsur womöglich billigend in Kauf genommen worden, ja gar beabsichtigt gewesen? Für was sollte das Gewachsene und langsam Entstandene beseitigt werden, um durch »Modernes« ersetzt zu werden? Was ist da nicht nur in Form der Pracht der alten Städte, sondern auch in den Menschen zerstört worden?

Ich fürchte, die Frage ist viel zu groß für mich. Sie mag vielen gar als »dumm« erscheinen. Vielleicht ist sie das ja auch. Denn alles muss heute »modern« sein. Ist cool, Mann. Doch all das bringt mich auch zu den Fragen, die mich zum Heute beschäftigen zurück. Denn innerhalb der Lebenszeit, die ich überschauen kann – »meine« Zeit also – komme ich immer wieder auf die Frage zurück, wie wir mit Macht umgehen. Mit Gefühlen von Überlegenheit, mit dem Glauben, zu den »Guten« zu gehören und das »Recht« zu haben, die »Bösen« (Dummen, »Arschlöcher«, …) zu »bekämpfen« – notfalls mit der Waffe in der Hand, und indem ich sie »wegmache«. Und wenn ich gar bestimmte Mitmenschen als [eine Art] »menschliches Ungeziefer« betrachte, dann ist jedes (jedes!) Mittel recht, sie »loszuwerden« …

Der zionistisch ausgerichtete Teil Israels macht das gerade vor, und ich erwähne dies aus aktuellem Anlass nur stellvertretend für alle, die sich aus irgendeinem Grund über ihre Mitmenschen erheben und glauben, sie seien »wertvoller« und »edler« als diese. Das scheint voll »im Trend« zu liegen. Ich schreibe hier ja schon seit einiger Zeit über dieses Thema, und während vor ein paar Jahrzehnten um mich herum noch jeder, der die menschliche Form hatte grundsätzlich als menschliches Gegenüber wahrgenommen wurde (nun, unter uns »durchschnittlichen« Menschen und zu Friedenszeiten zumindest), so leben wir heute in etwas, das ich die »All Star-Gesellschaft« nenne: Jede/r ist »Celebrity« und gibt sich auch so.

Was früher wohl nur in den Köpfen herumschwirrte, ist heute in oft skurrilen Bildchen in die Häute gebrannt sichtbar – gewissermaßen als lebende Werbewand in eigener Sache nach außen gekehrt. So gut wie alles ist heute »gemacht« – ich bin umgeben von Horden »gemachter« Leute. Ja, das ist durchaus mehrdeutig gemeint. Wer es nicht mehr wissen sollte: Ein »gemachter Mann« (nun, auch eine »gemachte Frau« …) war damals jemand, der »es geschafft hatte« – der erfolgreich und in der Regel auch gut bei Kasse war. Er »war jemand«, wie man früher sagte. Heute sind »alle wer«. Das »gemacht Sein«, dies hochnäsige, blasierte »mir kann keena«-Erfolgsmensch-Gehabe ist heute Standard. Wer es nicht hat, fällt auf.

Meist unangenehm – auch optisch: Unter all den besonderen Menschen mit ihren bunten Haaren, ihren tausend Bildchen auf der Haut, den Nasenringen, Baseballkappen, Sonnenbrillen (und, und, und …) inklusive Star-Habitus falle ich als »graue Maus« auf – für viele offenbar eher unangenehm. An was erinnere ich sie damit, all die »umgestülpten« Menschen, deren Leben »gemacht« und auf »großartige«, »besondere« Äußerlichkeiten ausgerichtet ist?

Vor vielen Jahren, als es noch hier und da Graffiti gab, die etwas auf den Punkt brachten anstatt mehr oder weniger virtuos gemachte optische Pissmarken zu sein, da erinnere ich eines, das die Dinge mit zwei Worten auf den Punkt brachte. Ich staune immer noch über diese Genialität, die über die Jahre Abstand noch dazugewonnen hat. Da stand: »Kamera läuft!« Das trifft genau den Punkt.

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre gab es nämlich einen sogenannten »Jet Set« – wohlhabende jüngere Leute, die platzend vor Eitelkeit und Narzissmus vor Kameras herumtänzelten, mit Sonnenbrillen und teuren, schicken Modeklamotten. Sie waren, rückblickend betrachtet, so was wie eine Vorhut, ein Modell, das damals noch sehr exotisch erschien – nun, mir zumindest.

Heute ist »Jet Set« nämlich so gut wie überall. Genau so wie in diesen kurzen TV-Clips der »Haute Voleé« von damals laufen heute fast alle rum. Mir drängt sich unwillkürlich der Gedanke auf, ob es womöglich in Elon Musks vielen Satelliten inzwischen Kameras gibt, die pausenlos aus dem All filmen und deren sich all die Leute um mich her bewusst sind – nur ich nicht: Sie geben den Star, ich den Trottel.

Seit einiger Zeit lese ich staunend das Buch »The Matter with Things« von Iain McGilchrist. Ich habe diesen Autor hier schon erwähnt. Ja, ich weiß – alles Quatsch, längst überholt, Verschwörungstheorie, … Ein Freund, in dessen Gegenwart ich neulich darüber sprach, regte sich ziemlich darüber auf, was ich denn mit »diesem völlig überholten Zeug« wolle. Sei’s drum. Für mich ist es gutes »Denkfutter«, und da der Autor alle Quellen seiner Argumente neben dem laufenden Text angibt erscheint es mir auf eine Weise durchaus seriös. Natürlich wäre es vermessen, mich als Laie in diese oder jene wissenschaftliche Diskussion »einklinken« zu wollen.

Nichtsdestotrotz kann ich aus seiner Argumentation (und er zitiert ja auch oft mal die »Gegenseite«) wertvolle Dinge »herauslesen« – in dem Sinne, einfach zu begreifen, dass in vielen Bereichen eben kein »Konsens« herrscht (nun, bestenfalls »offiziell«), sondern eben etliche Phänomene beobachtet werden, die zeigen, wie komplex das Leben ist. Und wie viele offene Fragen es nach wie vor überall gibt, auch wenn wir in vielen Teilbereichen »die Dinge« gut manipulieren können.

Faszinierend finde ich, wie er herausarbeitet, dass das Leben ein vielschichtiger Prozess von unfassbarer Komplexität ist, bei dem im Gegensatz zu einer Maschine alles alles beeinflusst, auf- und miteinander reagiert und sich stets in einem Grenzbereich zwischen Chaos (Beliebigkeit) und Struktur oder »Gestalt« (er verwendet bewusst dieses deutsche Wort) bewegt. »Gestalt« ist Struktur, Form – doch eben nicht »Ordnung«. Letzteres Wort hat zumindest im Deutschen eine Konnotation, die hier in die Irre führt, da sie so was wie einen »ordnenden menschlichen Willen« impliziert.

Genau den sollten wir hier außen vor lassen, denn dieser steht uns inzwischen bei vielem im Weg. Gleichwohl ist er der Gott der Moderne. Ihn beten wir an, er soll uns ins menschengemachte Paradies führen. »Des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, geht ein altes Sprichwort. Und da fällt mir auch gleich das Komplementäre ein, das ich zum ersten Mal vor Jahren auf einem Zettel bei einer Kunstausstellung las: »Protect me from what I want« – »Beschützt mich vor dem, was ich will!«.

Heute dreht sich nämlich alles um »Mein Wille geschehe!«. Nein, kein Tippfehler: »Dein Wille geschehe!« ist die Version aus einer Zeit, als der Mensch sich Gott (dem Leben, dem Kosmos) hingab und nicht »die Dinge selbst in die Hand nahm«. Das bedeutet aber auch, dass er nun glaubt, »alles in der Hand zu haben« – alle Möglichkeiten, aber auch die Verantwortung?

Deshalb ist es heute so ungemein wichtig, dir selbst und der Welt zu zeigen, dass du alles unter Kontrolle hast, dass du es »drauf« hast – dass du das Leben komplett in »deiner« Hand hast. Die dazu passende Ideologie ist »Du kannst es schaffen, wenn du nur willst!«. Die wird uns nun seit über fünfzig Jahren eingehämmert, pausenlos, unerbittlich, direkt und indirekt, auf jede nur erdenkliche Weise. Und darin heißt es natürlich, dass der Mensch ein »Homo ökonomikus« sei – rein auf seinen Vorteil bedacht und in stetiger Konkurrenz zu anderen, ja letztlich zum Leben als Solchem.

Kurzum: Das mechanistische Weltbild hat sich – wohl inzwischen praktisch weltweit – durchgesetzt. Die Welt, das Universum wird als eine gigantische, irrwitzig komplizierte Maschine gesehen, doch wir Menschenviecher werden in Kürze alle ihre Regeln »drauf«, alle Antworten darüber parat haben und dann die Macht übernehmen: Der »Homo Deus«, der »Gottmensch«, steht demnach kurz davor, endgültig die Macht über das Leben an sich zu reißen.

Doch hier ist, warum ich das »Denkfutter« aus dem Buch so schätze: Es zeigt für mich auf, wieso mit sehr, sehr hoher Wahrscheinlichkeit das allermeiste davon Wunschdenken, ja Magisches Denken bleiben wird. Etwa so wie die Ankündigungen von einigen bekannten Meteorologen aus den neunziger Jahren, die hinausposaunten, »sie würden schon in ein paar Jahren das Wetter präzise auf Tage voraus und einhundert Meter genau vorhersagen können«. Ich fand das schon damals zum Kopfschütteln, deshalb ist diese verwegene Idee bei mir hängen geblieben. Was ist heute davon übrig?

Anstatt also unfassbare Summen in den »technischen Fortschritt« (und vor Allem in immer perfidere Waffensysteme) zu stecken – wie wäre es denn, mit diesem immensen Aufwand etwas Anderes zu tun? Mir fällt an dieser Stelle die kleine Geschichte von Erich Kästner ein, die zwar nicht felsenfest »beweisbar« ist, doch mir durchaus plausibel erscheint: In »Das Märchen von der Vernunft« von März 1948 erzählt Kästner eine Geschichte, in der ein weiser alter Mann einer Versammlung mächtiger Herren vorschlägt, ähnliche Summen wie für den Krieg doch stattdessen in einen langen, dauerhaften Frieden zu investieren. Dies erscheint jedoch denen, die »das Sagen haben« als völlig absurd.

Nein, nicht nur absurd – sie lachen sich beinahe tot, als sie hören, dass man für das Geld, das der Krieg gekostet hat jedem Bürger jedes Landes, der damals lebte, ein nettes Häuschen mit Garten sowie eine Garage mit einem Auto hätte hinstellen können. Dazu wäre noch eine Menge guter Infrastruktur wie Krankenhäuser, Kindergärten und vieles Weitere »drin« gewesen. Sie lachen und lachen und klopfen sich auf die Schenkel, bis es schließlich einer, der es kaum noch aushält mühsam herausbringt: »Sie alter Schafskopf! Ein Krieg – ein Krieg ist doch etwas ganz anderes!«

Wie könnte denn eine andere Richtung überhaupt aussehen? Hier doch noch ein paar Gedanken dazu: Was wir von klein auf lernen wird unser Leben prägen – im Guten wie im Schlechten. Es ist zwar nicht »in Stein gemeißelt«, doch ein starker Einfluss. Wie wäre es denn mit einer »Lebensschule«, die unser Mensch Sein stärkt und beschützt anstatt es uns »abzugewöhnen«?

Die unsere Sinnlichkeit wertschätzt – und anerkennt, dass in unserer Form drei Pole unser Leben bestimmen: Geburt, Sexualität, Tod. Das Leben also, wie es ist und uns ausmacht. Du kannst es Gott nennen, oder Leben – dieses Mysterium, das uns umgibt und das uns hervorgebracht hat, von dem wir ein Teil sind und bleiben werden. Auch wenn das heute als »uncool« und »altbacken« erscheint.

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