Samstag, 24. April 2021

Schweigen …

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Schweigen …

Nein, der Verrückte, der Fremdkörper, im wahrsten Sinne des Wortes, der bin ich. Mir wird allenthalben gezeigt, dass ich besser verschwinden sollte, bevor man nachhelfen wird. Eine Maske mit einem “X” drauf? Um Coolness‘ Willen! Das ist Blasphemie! Diese Blicke, das teilweise erschreckte, demonstrative Abstandhalten, die pampige Aufforderung, mir unbedingt einen Einkaufswagen oder -Korb zu nehmen, obwohl bestimmt die Hälfte der Kunden hier ohne unterwegs ist – mit einem verständnislosen, mit unterschwelliger Wut unterlegten Blick vorgebracht…

Nein, die Leute hier um mich her sind mit religiöser Inbrunst in eine bestimmte Richtung unterwegs. Das waren sie schon vor Corona, doch nun kommt da zunehmend ein religiöser Fanatismus hinzu, den es vorher nur in Ansätzen gab. Diese Leute sind auf einer Mission: der Weltrettung. Sie, die unfassbar einzigartig und individuell sind – so extrem, dass die überwältigende Mehrheit mit ähnlichen Klamotten, ähnlichen Gesten und Gehabe auftritt –, sie wissen, auf was es ankommt. Sie sind die Neuen Menschen, die Gemeinschaft der »konsensitiv Assemblierten«, die es gemeinsam schaffen wird: Die Gewöhnlichkeit besiegen, »dieses Virus« besiegen, den Tod besiegen. Und natürlich: Die Welt retten.

Dumm für mich nur, dass das alles ein massiver weltweiter Trend ist, Tendenz weiter wachsend. Schon vor der Welle »Corona« raste dieser Tsunami des Bewusstseins um die Welt. Und nun bin ich ein Auslaufmodell, das nur noch störend rumsteht. Platz wegnimmt. Ressourcen verschwendet. Das Gefühl von »Schönheit« à la Instagram beleidigt. An den Tod erinnert. Das besser heute denn morgen verschwindet, um dem Neuen, oder besser der Neuen Normalität, dem coolen neuen Techno-Bio-Öko-Faschismus, ungestört Raum zur Entfaltung zu geben.

Denn die Leute wollen ihn. Nun, der Geburtsvorgang dorthin mag ein kleines Bisschen unangenehm sein, doch da all die »Maßnahmen« Teil der neuen religiösen Bewegung sind, geht das schon. Denn das alles ist ja Teil des heldInnenhaften Kampfes gegen alles, was nicht ermächtigt, berechtigt, groß macht. Vor Jahren schon kam mir der Satz »Wollt Ihr die totale Konkurrenz?«, und die ist nun erst recht Realität und fegt alles, was da nicht mitkann oder -will hinfort.

Alle sind gut drauf, doch das ist Fassade. Wehe, wer es nicht ist! Der oder die ist schon aus dem Rennen, hat verkackt. Und ich gehöre zudem einer Altersstufe an, zu deren angeblichem Schutz man Leute wie mich hasserfüllt beschimpft (noch begnügt man sich damit…) und dies in der erklärten Absicht tut, um jeden Preis Ältere »retten« zu wollen: Ältere und Alte, die vor Allem den Jungen bis vor etwas über einem Jahr so was von scheißegal waren und die nun im Schachspiel um mehr Selbstermächtigung zu lebenden Schachfiguren fürs Aufpeppen des eigenen Egos vereinnahmt wurden.

Denn an irgendwas muss man seine überlegene Position und das Rechthaben ja festmachen. Was läge da näher als Leute, die sich mehrheitlich nicht mehr wehren (können) als Schachfiguren in diesem Rechthabespiel einzusetzen. Gesunder Menschenverstand und das Akzeptieren von Grenzen, auch des Lebens, sind zudem ja schon lange passé. Die psychologischen Planer des Weltputsches haben das perfide eingefädelt, und die Adressaten greifen es begeistert auf. Hauptsache dieses rauschhafte Gefühl – drüber stehen, Recht haben, überlegen sein. Alle anderen sind eben Loser und selbst schuld. Dieser Bewusstseinszustand und alle Strukturen und Mittel, die ihn füttern und päppeln entsprechen Aldous Huxleys »Soma«.

Schier unglaublich, wie perfekt dieses neoliberale Menschen- und Weltbild des Homo economicus (eigentlich treffender: Homo deus) inzwischen weltweiter Standard geworden ist. Und auch das ist etwas, das nicht mehr hinterfragt wird und nicht mehr hinterfragt werden darf. Wer es dennoch tut, gilt schnell als verrückt, im harmloseren Fall als weltfremd. Doch das alles ist nur eine Umschreibung – ich meine hier eher ein bestimmtes Bewusstsein: Erich Fromm hat sich in »Haben oder Sein«»einen abgebrochen«, eine Welt, eine »Utopie des Seins« zu entwerfen. Ich habe das Büchlein bei mir zu Hause, und seine Ideen und Beschreibungen darin sind aus heutiger Sicht geradezu rührend, erscheinen jedoch im Hinblick auf das Weltgeschehen nur noch absurd: als etwas, das inzwischen gerne als »die Realität leugnendes Geschwurbel« abgetan wird. Aus der Sicht der aktuellen Deutungshoheit gesehen trifft das durchaus den Punkt.

Tja – da sind in den vergangenen Jahrzehnten Tatsachen geschaffen worden, auf verschiedenen Ebenen. Ich frage mich mal wieder: Was habe ich getan, und was hätte ich tun können und habe nicht getan, um diese Entwicklung zu stoppen oder ihr zumindest etwas entgegenzusetzen? Denn wie viele in meinem Freundes- und Bekanntenkreis gehen quasi mit einer »Mission« durch die Welt, von der sie glauben, sie propagieren zu müssen? Mal mehr, mal weniger engagiert? Habe ich da was versäumt? Falsch verstanden?

Ich weiß es nicht. So bleibt die Frage im Raum stehen. Und eine Stimme in mir, die mehr ein Gefühl ist, antwortet mit … Schweigen.

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