Mittwoch, 22. Juli 2026

Quecksilber

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Quecksilber

Es gibt immer mal wieder Artikel, die bei mir ein kleines »Aha«-Erlebnis auslösen. In diesem Falle ist es eine ganze Kaskade an Erinnerungen, die ein »alter Sack« eben so hat. Ich weiß – diese Dinge sehen heute die allermeisten anders. Genau deshalb möchte ich hier mal darüber sprechen.

Erinnerungen … Es gab ein altes Wort für Temperaturen, als ich noch klein war: »das Quecksilber zeigt«. Etwa so: »Das Quecksilber zeigte 32 Grad«, sagte man, als es im Sommer schön warm war und sich alle auf den Badesee freuten, statt in Alarmstimmung versetzt zu werden. Damals … gab es nämlich noch Thermometer, die … eine Quecksilberfüllung hatten. Gott (gab’s damals auch noch …) bewahre!!!

Da diese Art von Thermometer ziemlich verbreitet waren (nun, alte Fieberthermometer enthalten es immer noch), konnte so ein Thermometer auch mal zerbrechen. Vor Allem bei Fieberthermometern passierte das öfter mal, wurden die doch im Gegensatz zu Außenthermometern »gehandhabt«. Unvorstellbar heute, mit so etwas Gefährlichem zu hantieren! Wie haben das frühere Generationen nur überlebt?

Aus heutiger Sicht muss dieses Überleben an ein Wunder grenzen. Wie ich darauf komme? Nun, mein letztes Fieberthermometer war noch ein solches Ding. Und das ist mir irgendwann mal im Bad runtergefallen. Was habe ich getan? Ich erinnerte mich an Anweisungen meiner Eltern für so einen Fall. Also habe ich die Glassplitter vorsichtig eingesammelt und dabei geschaut: Wo ist denn das Quecksilber hin?

Ah – dort sind ein paar schimmernde Kügelchen. Also ein Papier geholt, und noch eins, und dann habe ich die Kügelchen vorsichtig eingesammelt und in die Mülltonne getan. Danach noch sorgfältig schauen, ob ich noch welche sehe. Um sicher zu gehen, habe ich dann den Boden gründlich mit feuchten Küchentüchern abgewischt. Auch die landeten dann in der Tonne. Danach noch die Hände waschen.

Das war’s. Nun, sicher ist es nicht so toll, dass auch nur eine kleine Menge Quecksilber kurz darauf in die Müllverbrennung befördert wurde. Doch ich denke, wir haben da gerade heute ganz andere Probleme … Und klar – natürlich habe ich danach das Bad noch gut durchgelüftet. So viel nun als Anmerkung dazu, weil ich mehrmals in meinem früheren Leben mitbekommen habe, dass Quecksilber zwar etwas ist, das man mit Respekt handhaben sollte. Doch Panik diesbezüglich war und ist mir fremd.

Damit komme ich zu dem Grund, warum ich das hier schreibe. Ich las da nämlich, dass vor Kurzem in einem Miet-LKW in Reichenbach an der Fils bei einem Umzug eine kleine Menge Quecksilber gefunden wurde, die offenbar von einem früheren Mieter des Wagens dort verschüttet worden war. Nun, wir sprechen hier von ca. 20 Milliliter – das ist ein Schnapsgläschen bis zum Eichstrich voll und schon wesentlich mehr als ein kaputtes Fieberthermometer.

Was hätte ich in einem solchen Fall für angemessen gehalten? Nun, ich hätte in diesem Fall auch die Feuerwehr benachrichtigt. Damals, also in einer Zeit, als noch Leben wichtig war und nicht absolute Sicherheit und Kontrolle, wären wohl zwei Leute gekommen, die für Gefahrstoffe zuständig sind. Die hätten dann mit einem entsprechenden Werkzeug das Quecksilber in einen Behälter gesaugt, der später zur Sondermüll-Sammelstelle gebracht werden würde.

Danach hätten sie wohl noch nachgeschaut, ob noch woanders auf der Ladefläche silbrige Kügelchen zu finden seien. Wie offenbar in diesem Fall hätten sie das nach ihrer Inspektion verneinen können. Vermutlich hätten sie noch den Tipp gegeben: »Bitte lassen Sie den Wagen noch eine Stunde mit geöffneter Hecktür zum Auslüften stehen, bevor Sie weitermachen!« Das wäre es im Wesentlichen wohl gewesen.

Doch wir sind im Jahr 2026, nicht im Jahr 1976: »Nach der erfolgten Sperrung des unmittelbaren Gefahrenbereichs wurden auf Weisung der Feuerwehr insgesamt 20 umliegende Häuser mit insgesamt 27 Personen vorübergehend evakuiert. Vom Rettungsdienst wurden acht Personen vorsorglich vor Ort untersucht und zur weiteren medizinischen Untersuchung in umliegende Krankenhäuser eingeliefert. Unmittelbaren Kontakt mit dem Quecksilber hatte aber lediglich der fünfjährige Junge, bei welchem sich, wie bei allen anderen Untersuchten bislang keine Vergiftungserscheinungen zeigten. Der Lkw wurde sichergestellt und abgeschleppt. Die Spezialisten des Arbeitsbereichs Gewerbe und Umwelt des Polizeipräsidiums Reutlingen haben die Ermittlungen aufgenommen. Die Feuerwehr war mit 16 Fahrzeugen und 80 Feuerwehrleuten, der Rettungsdienst mit sieben Fahrzeugen und 16 Einsatzkräften im Einsatz. Zudem waren zwei Chemiker des Landkreises vor Ort.« (Teckbote.de)

Zwanzig Häuser evakuiert. 16 Fahrzeuge und 80 Feuerwehrleute. Sieben Rettungsfahrzeuge mit 16 Personen Fachpersonal. Der LKW wurde abgeschleppt, nicht weggefahren, … Nun, wenn heute jemand eine alte Konservendose mit ein wenig einer quecksilberartigen Flüssigkeit drin hier im Viertel abstellen würde, können wir demnach davon ausgehen, dass man das ganze Viertel räumen würde. 

Und wenn irgendeinem Witzbold einfiele, so was an mehreren Stellen zu tun, dann hätten wir wohl den Ausnahmezustand. Nun, auf eine Weise haben wir den bereits ununterbrochen. Inzwischen sind wir kollektiv regelrecht besessen von der Gier nach Kontrolle, nach »Sicherheit«. Denn wir haben in den vergangenen Jahrzehnten etwas ganz, ganz Banales völlig »vergessen«: »Seien wir ehrlich – Leben ist immer lebensgefährlich!« (Erich Kästner)

Diese völlig andere Haltung zu sich selbst und zum Leben ist ein wichtiger Grund dafür (nicht der einzige!), dass sich die Ereignisse im Frühjahr 2020 so lawinenartig entfalten konnten. Und dann haben wir »den Kakao, durch den man uns zog«, auch noch nicht nur getrunken, sondern gesoffen.

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