Montag, 6. Juli 2026
Was Kleines – oder?
Was Kleines – oder?
Nun, eben las ich einen Text bei »Mad in America« (auf Englisch), in dem es um »Rites de Passage« – Riten des Übergangs – geht. Mir fällt dazu auch gleich der Begriff »Einweihung« ein. Doch selbst wenn es zwischen Beiden einige Gemeinsamkeiten gibt, ist es nicht dasselbe.
Wieder mit der Tiefe in mir in Kontakt zu kommen, die jedoch etwas Eigenes ist – darum geht es in Situationen, Ritualen des Übergangs. Doch es geht hier um das Gegenteil von »etwas bekommen«, etwas erreichen, etwas dazugewinnen: Es geht um Loslassen. Loslassen von Ideen, Konzepten, Bildern, Schmerzen, Begierden. Also so ziemlich dem exakten Gegenteil dessen, wohin heute alles strebt. Das ist der Grund, warum ich dies hier schreibe.
Denn Loslassen und sich etwas Tiefem, Unbekannten zu überantworten steht in diametralem Gegensatz zum Zeitgeist, der sich mit »Sei der, der du sein willst!« zusammenfassen lässt. Oder auch in einem Satz, der mir mal dazu kam: »Ich will mit mir nichts zu tun haben!« Will heißen: »Ich – mein Wille allein definiert, wer oder was ich bin.« Denn dieses Loslassen ist ein »Sei/Werde der, der du bist.« Auch ich war lange besessen von Ideen und Konzepten, »wie ich denn sein sollte.« Seit Längerem bin ich nun unterwegs zu »dem, der ich bin«. Und ich bin nach wie vor unterwegs, fast immer gegen den Orkan des Zeitgeistes, der in die entgegengesetzte Richtung bläst.
Das ist leider, was dich erwartet, wenn du aus der üblichen Sicht auf die Welt und dich selbst »herausfällst«: Denn so gut wie alles, was uns alle umgibt drängt uns, uns in diesen Bewusstseinszustand des »ich will« zu bringen und uns dort zu halten. Und natürlich ist das der »Standard«: Psychologische Betreuung geht praktisch immer in die Richtung, dich dorthin »zurückzubringen«, dich in die Lage zu versetzen, in diesem »normalen« geistigen Raum wieder gut zu funktionieren.
Das geschieht heute vor Allem mit Medikamenten wie Stimmungsaufhellern und Antidepressiva. Es ist die dem Zeitgeist angemessene Herangehensweise: In einer Welt, die als eine gigantische, unfassbar komplizierte Maschine gesehen wird, die gleichwohl bald völlig entschlüsselt und damit unter unserer totalen Kontrolle stehen wird, muss man eben nur an den »richtigen« Stellschrauben drehen – und schon »läuft« es wieder.
Ein Bisschen so, wie sich ein Automechaniker zufrieden zurücklehnt und sich innerlich auf die Schultern klopft, wenn der Motor vor seiner Nase wieder angesprungen ist und rund läuft: Wir wissen doch. Wir können doch. Wir haben’s doch drauf!
Die Ereignisse der vergangenen Jahre haben mich gewarnt: Der »Verrückte« bin ich. Das, was ich wichtig finde »geht heute gar nicht«, ist »uncool«, ja gefährlich. Gefährlich für all diese Großartigkeit, die mich umwabert. So wie Nadeln für Luftballons umso gefährlicher sind, je praller diese aufgeblasen werden.
Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung, die ich vor über 25 Jahren nach einer heftigen Krise bekam. Einer Krise, die mich um ein Haar in die Maschinerie der Psychiatrie gebracht hätte. Gleichwohl sehe ich heute, dass diejenigen, denen ich dankbar bin sich aus meiner Sicht in eine Richtung entwickelt haben, die ich für bedenklich halte. Doch meine Dankbarkeit bleibt, trotz meiner heutigen Skepsis.
Was mich erschaudern lässt ist die Erkenntnis, dass ich qua Alter noch in einer Situation war, mich überhaupt auf diesen Weg zu machen, auf dem ich noch immer unterwegs bin und bei dem es völlig offen ist, wohin er mich noch führen wird, bevor diese Existenz wieder verschwindet. Wer sich heute in diese Bereiche vorwagt, auf die Jung, Fromm, Gruen und etliche Andere hingewiesen haben findet sich in einer Welt wieder, die dieser Seinsebene regelrecht feindlich gegenübersteht.
Das ist wohl ein weiterer Grund dafür, dass sich sehr viele, wenn sie mal mit ihrer Tiefe in Kontakt gekommen sind, wieder von dort zurückziehen: Der Orkan des Zeitgeistes tost ihnen nun mit eisigen Temperaturen entgegen, mit wahrer »Coolness«. Wird es uns noch gelingen, zumindest kleine Inseln von Menschen zu bilden, die sich gegenseitig dabei unterstützen, beim »zu sich Kommen«?
»Das Schicksal der Menschheit wird in Bereichen entschieden, die man als verlorene Posten bezeichnen könnte«, habe ich schon mal erwähnt. Leider habe ich die Quelle dazu nicht wiederfinden können, doch das ändert wenig daran, dass das in diesem Zusammenhang durchaus stimmen könnte …
Leonard Cohen hat in seinem Lied »A Thousand Kisses Deep« dieses Thema aufgegriffen. Und es klingt dort an, dass es eben [nur] die tief Verwundeten und Machtlosen sind, die überhaupt eine Chance haben, sich dieser Tiefe zu öffnen …