Donnerstag, 12. Februar 2026
Präsenz und Re-Präsentieren
Präsenz und Re-Präsentieren
Präsenz – gegenwärtig Sein, und re-Präsentieren – etwas präsentieren, etwas darstellen. Hier ein paar Gedanken dazu.
Früher war viel mehr als heute »Präsenz« wichtig, es war gewissermaßen der unbewusste Maßstab. Gegenwärtig sein, anwesend sein, im Moment sein. Dies bedingt, dass dieser Moment »jetzt« ist – und das heißt auch: »wild«, direkt, völlig offen. Ich merke gerade, dass ich das doch nur schwer erklären kann. Denn heute hat alles den Anspruch, »direkt« zu sein, sofort. Ich als alter Sack kenne noch den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Erwartung und »Machen« und dem, was jetzt da ist. Das ist heute kaum noch vermittelbar, uns schon weitgehend abhanden gekommen.
In dem Moment, wo ich »Re-Präsentiere« gebe ich etwas wieder, modelliere etwas, stelle ich etwas dar, »mache« und kontrolliere ich es – bin somit eine Art Schauspieler, der etwas darstellt, präsentiert, also vorzeigt. Der Schauspieler kann zwar mit seiner Rolle – das heißt, mit dem, was er re-präsentiert«, darstellt, vorzeigt – völlig verschmelzen. Er »vergisst« dabei in diesem Moment, wer er als Person eigentlich ist, »verkörpert« so im Idealfall gewissermaßen die Person, die er spielt, die er re-präsentiert. Ist das Stück aber gespielt, kommt er »zurück« zur Präsenz, zu seiner Präsenz, seiner eigenen Gegenwart.
Bis in die siebziger Jahre hinein war mir der Spruch »Sei der, der du bist« geläufig – also sei der, der du mit deiner eigenen Gegenwärtigkeit bist – direkt, »rechtshirnisch« sozusagen. Seit den Achtziger Jahren erinnere ich dann zunehmend den Spruch »Sei der, der du sein willst«. Das meint implizit: Vergiss, was du gegenwärtig bist, und stelle dar, re-präsentiere – zeige, was du sein willst. Schlüpfe in die Rolle deiner Wahl und spiele sie. Aber eben nicht als ein Schauspieler, der darum weiß und dies [mehr oder weniger] bewusst tut – und dann auch wieder beendet. Das meint hier allerdings keinesfalls, dass es falsch wäre, dich zum Beispiel »von deiner besten Seite zu zeigen«. In diesem Fall ist es dir aber bewusst – will heißen, du hast auch eine gewisse innere Distanz dazu.
Nein, ich meine hier eben den Verlust dieser inneren Distanz, das absolut Setzen deiner Identität, im Sinne von »Du bestimmst, wer du bist« – und alleine deine Vorstellung, wer du bist ist maßgeblich, absolut gültig; ist das, was du als »deine Essenz« deklariert hast – für dich selbst und für deine Mitwelt. Zu Ende gedacht würde es in letzter Konsequenz auch bedeuten: Wenn du überzeugt bist ein Hund zu sein, dann bist du das, und alle um dich herum müssen(!) das respektieren und du hast ein Recht darauf, dass dies so ist. Es bedeutet nichts weniger als die Verschiebung des Maßstabes von etwas, was man früher »gesunden Menschenverstand« nannte hin zum absoluten Maßstab dessen, was jeder einzelne für sich bestimmt.
Früher musste jemand, der darauf bestand ein Hund zu sein (um in diesem überspitzten Beispiel zu bleiben) die Konsequenzen im sozialen Zusammenleben erdulden – wie immer das dann aussehen würde. Heute kann derjenige diese Akzeptanz im extremsten Falle sogar vor Gericht einklagen. »Sie haben mich nicht als Hund respektiert. Das ist ein Übergriff auf meine Identität, ein Hassverbrechen! Ich werde Sie anzeigen!« Zugegeben, das ist (noch) überspitzt, ja satirisch, doch ich gehe hier damit so weit um den Paradigmenwechsel deutlich zu machen, der in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat. Und überhaupt: Das ist inzwischen nur noch ganz knapp Satire. Noch, gerade eben …
Ich merke gerade, welch ein Eiertanz um Begriffe hier entsteht, und mir ist bewusst, dass ich das trotz meiner satirischen Überspitzung heute kaum noch jemandem erklären kann. Warum? Weil aus meiner Sicht so gut wie niemand mehr eine »Mitte« hat, so was wie einen stillen Ort der direkten [inneren] Gegenwart, des »Empfangens«, wie ich es auch schon salopp genannt habe. Es gibt nicht mal mehr gelegentlich Momente der Stille, in die sich das Wahrgenommene ergießt, sondern eine Art unentwegt wiederholtes inneres Bild: eine »Identität«, zu der ich jegliche innere Distanz verloren habe und die ich pausenlos nach »draußen« projiziere.
Diese Identität »tanzt« mit all dem, was ich an Eindrücken an mich heranlasse bzw. zu mir hinziehe, sie stülpt sich der Welt pausenlos über und wird gleichzeitig von dieser völlig vereinnahmt. Näher komme ich nicht heran um das Paradoxon zu umschreiben, dass sich offenbar all die großartigen Leute um mich herum nicht nur als Könige und Königinnen, sondern auch als einzigartige Individualisten fühlen und gleichzeitig völlig besessen sind von irgendwelchen klischeehaften Vorstellungen und »Identitäten«.
Oder vereinfacht ausgedrückt: Sie sind Sklaven, die sich wie Könige und Königinnen fühlen, Blätter im Wind, die sich für die Verkörperung von eigenem Willen und kreativer Kraft halten. Das kann, so denn mein Eindruck so stimmt, kaum auf Dauer gut gehen. Die Ereignisse seit Frühjahr 2020 zeigen mir, dass da zumindest was dran sein dürfte. Ich bekomme immer mehr eine Ahnung, was die psychosozialen (Grund-)Strukturen waren, die sich damals zu Beginn »dieser zwölf Jahre« entfaltet haben. Und das war mit Sicherheit keineswegs das erste Mal: Dies sind urmenschliche Verhaltensweisen und Reaktionen, die ich nun im Kleid des 21. Jahrhunderts in Aktion sehen kann.
Ich selbst spüre den Sog dieser machtvollen psychosozialen Strömungen auch, muss mich [bewusst] dagegen wehren, sonst werde ich hinein- und mitgerissen. Ich sitze quasi zwischen den Stühlen – bekomme das einerseits mit, bin allerdings andererseits auch nur bedingt »immun« gegen diese Einflüsse. Ich sagte es an anderer Stelle bereits: So gut wie Alles was uns heute umgibt ist darauf ausgerichtet, uns alle in einen bestimmten Bewusstseinszustand zu bringen und dort zu halten. In diesem sind wir (ver-)führbar wie eine Herde Schafe – und merken es nicht mal, denn praktisch alle in der Herde halten sich für einzigartige und unabhängige Individualisten.
Und die gehen natürlich ihren eigenen Weg – der durch die Brille einer absoluten persönlichen Souveränität betrachtet selbstverständlich völlig unabhängig von jeglichen äußeren Einflüssen ist. »Ich entscheide, was, wie, wo …« Die Werbung wiederholt ununterbrochen diese Selbstbilder, diese Selbsteinschätzung und erzeugt blendende Geschäfte damit – im wörtlichen wie im übertragenden Sinne. Sie verspricht damit rundum gutes Aussehen – auch hier wieder auf beiden Ebenen. Sie ist wie das Spieglein im Märchen, das dauernd flüstert: »Du bist die/der Schönste (Beste, Klügste, …) weit und breit!« Gleichzeitig wird mehr oder weniger implizit vermittelt, was du tun musst, um »dazuzugehören« …
Zu dieser Art von »Schönheit« gehört heute für sehr viele ein Gefühl von moralischer Überlegenheit – wem gegenüber, das mag je nach Blickwinkel unterschiedlich sein. Je nach diesem schaut man auf »Aluhüte«, »Verschwörungstheoretiker«, »Spinner«, »Schwurbler«, »alte weiße Männer«, »Putin-Trolle« oder auch »Nazis« herunter, um nur ein paar Stichworte von vielen zu geben. Das ist sehr verführerisch: In den Momenten, wo mich der »Ermächtigungsrausch« packt komme auch ich in Versuchung, mich auf diese Weise »aufzuschwingen« …
Wir sind heute fast kollektiv beim drüber Stehen, beim Re-Präsentieren angelangt. Nur das Re-Präsentierte (Geplante, Modellierte, …) ist [potentiell] völlig kontrollierbar und steuerbar, denn »ich« mache, ich präsentiere, re-präsentiere etwas. Wirkliche Präsenz ist hingegen offen – alles kann geschehen. Nur wenig ist dabei kontrollierbar – es ereignet sich einfach, ganz direkt, eben präsent.
Aus meiner Sicht ist eben das ein Präsent, ein Geschenk: Das Geschenk, miteinander gegenwärtig, präsent, mithin füreinander ein Geschenk zu sein. Es ist die Ebene »Ich bin der, der ich jetzt gerade direkt und aus mir heraus bin.« Als Mensch mit allem, was mich ausmacht – meinen Möglichkeiten, Unsicherheiten und Mankos. Und wenn es gut läuft, dann öffnet sich auch mein Gegenüber und wird für mich so als Mitmensch gegenwärtig. Wir sind jetzt zusammen hier, als zwei Menschen – nehmen uns gegenseitig in und aus dieser Stille heraus wahr.
Das steht in völligem Gegensatz zu »Ich bin derjenige, der ich jetzt sein will.« Denn dann sind wir quasi der Schauspieler, der seine Rolle für sich selbst hält, ohne sich jedoch dessen bewusst zu sein, oder genauer: sich dessen bewusst sein zu wollen.
Bewusst sein zu wollen … Denn wir haben uns entschieden, dieser Frage auszuweichen, sie zu verdrängen statt uns ihr zu stellen: Das wäre, wenn denn mal das Gespräch doch in diese Richtung geht, salopp gesagt »zu schwierig«. Nun also: Ich entscheide, was und wer ich bin. Punkt. Kein Nachdenken, geschweige denn ein Nachspüren. Es ist die halbbewusste Entscheidung, unser Leben unbewusst zu leben – mit Allem, was daraus folgt.
Nach einer kurzen Phase einer möglichen Be-Sinnung vor gut 50 Jahren hat sich das Recht des Stärkeren (Klügeren, Tüchtigeren, moralisch Überlegenen, …, …) als neuer alter Standard durchgesetzt, vor Allem und beschleunigt seit dem »Ende der Geschichte« 1989. Nein, das betrifft leider nicht nur diejenigen, die bereits seit Längerem diskret die Fäden ziehen. Es betrifft seitdem auch wieder uns alle.
Zum Abschluss möchte ich mal wieder jemanden zu Wort kommen lassen, der berufener ist als ich, diese Dinge zu behandeln. Von Uwe Froschauer ist auf »apolut« im Rahmen seiner Artikelreihe »Persönliche Entwicklung« vor Kurzem einen Artikel über Demut erschienen. Darin beschreibt er, was dieser Begriff philosophisch bedeutet, aber auch, was Demut konkret in Politik und Gesellschaft bedeuten und verändern würde, wenn sie denn wieder wertgeschätzt würde.
Auch seine anderen Artikel dieser Reihe kann ich sehr empfehlen. Sie sind aus meiner Sicht ein wohltuender Gegenpol zum Zeitgeist, der in fast jeder Hinsicht in eine andere Richtung geht als in die Art von persönlicher Entwicklung, die der Autor in seiner Artikelreihe beschreibt.
Hier noch ein weiterer Link zu einem Artikel (in Teilen kostenlos lesbar), der auch in eine sehr ähnliche Richtung geht wie meine Gedanken hier. Ich freue mich immer wenn ich etwas finde, was meinem Geschwurbel hier zumindest einen Anstrich von Seriosität verleiht.
Und gleich (ein paar Stunden später) schon ein Nachtrag. Der Artikel von Roland Rottenfußer beim »Manova-Magazin« ist zwar schon eine Woche alt, doch ich kam erst heute dazu ihn zu lesen. Es ist ein wunderschöner, lesenswerter Nachruf auf ein Multitalent, den Philosophen Jochen Kirchhoff, der am 26. Dezember vergangenen Jahres gestorben ist. Jochen Kirchhoff »ging es … um den Grundsatz, dass das Bewusstsein, nicht das materielle Sein der grundlegende Faktor im Universum sei.«, schreibt Roland Rottenfußer. Nun, auch meine Zeit hier ist jetzt überschaubar geworden – und selbst wenn es noch zehn Jahre sein sollten: In nicht allzu ferner Zukunft werde auch ich mich überraschen lassen. Und was immer das dann bedeutet – das Universum wird ein anderes sein als das, bevor ich meine bescheidene Existenz hier angetreten habe …