Donnerstag, 3. September 2020

Es wird wieder geschehen

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Es wird wieder geschehen

Was? Ich weiß es leider nicht. Doch am Ende wird es wieder eine überwältigende Mehrheit geben, die sich im Recht fühlt. Die das alles nicht wissen, ja nicht mal ahnen konnte. Und die die Schuld woanders sucht – höchstwahrscheinlich in denen, die nicht mitgemacht haben. Denn alles hätte so gut werden können, wenn nicht … dieser Abschaum gebremst hätte, ihnen feige in den Rücken gefallen wäre.

Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Strukturen aber wiederholen sich sehr wohl. Wie war das 1933? Heute bekommen wir brutalen Nachhilfeunterricht. So in etwa könnte das psychologisch gewesen sein … Nun, das sage ich. Für die überwältigende Mehrheit stellt sich diese Frage überhaupt nicht: Für sie gibt es da kein Problem – außer einem: Das Problem sind die Kritiker, die Nicht-Mitmacher. Die Verräter. Wenn die weg sind, ist die Welt wieder in Ordnung, die kognitive Dissonanz beseitigt, das Ich bestätigt.

Wir sind dann wieder ein paar weniger – mit welcher Verteilung, muss sich dann zeigen. Doch wir sind ja eh zu viele. Da ist es doch folgerichtig, sich der Überflüssigen, und vor Allem der Störer und Gefährder, zuerst zu entledigen. Dann kann es weitergehen. Ich hatte mich aber schon mal darüber geäußert: Das Gift ist innen, leider auch in denen, denen ich mich politisch nahe fühle. Und in mir. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass mir dieser Umstand zumindest ansatzweise bewusst ist. Das ist nur ein winziges Detail – doch womöglich ein sehr wichtiges.

Und all das lässt sich hier nur umschreiben, nicht mal ansatzweise beschreiben. Wäre ein Beschreiben möglich, hätten wir alle ein gigantisches Problem weniger. So bleibt mir nur … Stille. Schweigen.

»Stell dir vor, die Diktatur kommt, und (fast) alle wollen sie.« Ich verstehe jetzt (5.9.20) besser, wie sich Kurt Tucholsky gefühlt haben könnte, als er 1929 nach Schweden emigrierte – immerhin noch rechtzeitig, bevor sich die Schlinge politischer Verfolgung, der er sich zunehmend ausgesetzt sah, zuziehen konnte. Von dort musste er ohnmächtig zusehen, wie das, was er kommen gesehen hatte, Europa überrollte. Damals ging es um deutsche Vorrechte, um (National-) Stolz, um das Zurückweisen einseitiger Schuldzuweisung am 1. Weltkrieg durch die Siegermächte.

Heute geht es um eine Variante davon, die nicht mehr primär deutsch ist (oder eine andere Nationalität hat), sondern wohl ein allgemeines Gefühl der Ermächtig und Berechtigung ist. Heute geht es um den durchoptimierten, »coolen« Leistungsmenschen, den Star, dem neoliberalen Ideal des Übermenschen des 21. Jahrhunderts – so was wie die neue Version des Ariers qua Bewusstsein, qua Weltsicht. Dabei spielen Äußerlichkeiten wie Hautfarbe nur noch eine untergeordnete Rolle.

Da aber alle Stars sind, braucht es welche, die weniger Star sind – welche, auf die man runterschauen kann, von denen man sich abgrenzen kann. Notfalls müssen die »gemacht« werden, denn sie sind sehr, sehr wichtig. Und dieses »Machen« erhöht natürlich den Druck auf diejenigen, die »dabei« sein wollen, die »dazugehören« wollen, nur ja nicht rauszurutschen aus dem allgemeinen Konsens, aus dem geistigen Laufställchen des allgemeinen ungeschriebenen Regelwerks, was noch »geht« und was nicht. Thomas Fricke sinniert (besser schwadroniert, so sehe ich das …) heute auf »Spiegel Online« über »die Wut im Land«. Ein wichtiger Punkt, da bin ich mit ihm durchaus einig, ist dabei das Gefühl des Kontrollverlusts des Einzelnen. Wir leben heute in einer Zeit, die besessen ist von Kontrolle. Ein Verlust der Kontrolle auf der persönlichen Ebene kommt einem selbst verschuldeten Rufmord gleich. Da wundert es nicht, dass die große Mehrheit begeistert applaudiert, wenn die eigene Entschlossenheit, der eigene Wille zur Kontrolle von den Mächtigen, also den Regierenden, gespiegelt wird. Dabei heiligt der Zweck die Mittel – wo gehobelt wird, fallen halt Späne.

Natürlich sind die Zahlen, die er im Artikel zitiert mit Vorsicht zu genießen, doch ich fürchte, sie könnten im Wesentlichen stimmen. Alles, was ich in meinem täglichen Umfeld sehe und höre deutet darauf hin. Danach sind mehr als zwei Drittel der Befragten mit der Regierung und deren Maßnahmen sehr zufrieden. Nur etwa jeder zehnte habe geäußert, dass die Maßnahmen zu weit gingen. Und ca. 28 Prozent glaubten, die Maßnahmen würden noch nicht weit genug gehen.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass sich diese Zahlen weitgehend mit dem decken, was ich (unter Anderem) bei Timothy Snyder gelesen habe (z.B. in Timothy Snyder, The Holocaust as History and Warning, USA 2015, Tim Duggan Books – auch auf Deutsch erhältlich). Nur eine kleine Minderheit sei bereit gewesen, sich im Widerstand zu engagieren, in welcher Form auch immer. Und er schreibt noch etwas Interessantes: »In den dunkelsten aller Zeiten und Orte haben gerade mal eine Handvoll Menschen Juden gerettet – aus Gründen, die offenbar keiner irdischen Logik gehorchten. Dies waren überwiegend Leute, die in normalen Zeiten ethische und soziale Gebote ein wenig zu ernst, zu wörtlich nahmen, und deren Treue zu diesen Prinzipien die Institutionen überlebte, die diese dereinst stützten und verteidigten.

Wenn diese Retter außer dieser Haltung noch irgend etwas gemeinsam hatten, dann war es Selbstkenntnis. Wenn du dich selbst kennst, gibt es wenig zu sagen. Darüber sollten wir uns mal intensiv Gedanken machen – vor Allem wenn wir uns fragen wie wir, die wir uns so wenig kennen und so viel über uns zu sagen haben, wohl mit den Herausforderungen umgehen werden, die auf uns zukommen.« (Seite 318 unten, Übersetzung und Hervorhebung von mir). Diese Herausforderungen sind jetzt da. Und wenn ich das nicht völlig falsch wahrnehme, werden die weitaus meisten Snyders mahnende Frage zwar von den Worten her verstehen, doch nicht das, was er damit sagen will. Genau das ist es, was mich so niederdrückt. »Du unterwirfst dich der Tyrannei, wenn du keinen Unterschied mehr sehen willst zwischen dem, was du hören willst und dem, was wirklich passiert.« (Timothy Snyder, On Tyranny: Twenty Lessons from the Twentieth Century, Übersetzung von mir)

»Unser täglich Propaganda gib uns heute (6.9.20).« Nun, ich weiß, für die weitaus meisten ist diese Sichtweise völlig spinnert, ja krank. Das ist mir leider klar. Doch es fängt schon mit dieser Schlagzeile bei »Spiegel Online« an und geht im Artikel so weiter: Auslassungen, Ablenkungen, Halbwahrheiten, Verdrehungen, Lügen. Da fällt mir nichts mehr zu ein. Also, Überschrift: »Rechtsextreme dominieren Proteste gegen Corona-Schutz« Das ist nicht nur faktisch falsch. Und der Begriff »Corona-Schutz« impliziert, dass hier eine feige rechte Meute unseren Schutz, unsere Sicherheit vor einer brandgefährlichen Situation untergräbt. Dann der Untertitel: »Laut Verfassungsschutz haben rechtsextreme Gruppen seit April Dutzende Kundgebungen gegen Corona-Schutzmaßnahmen dominiert. Und: Indien meldet den weltweiten Rekord an Neuinfektionen. Der Überblick.« Der Verfassungsschutz äußerte sich noch ganz anders zu der Demo am 1. August (siehe FAZ vom 8.8.20). Und auf einmal ist alles rechtsextrem dominiert! Wow! Meines Wissens kommt der August noch nach dem April, oder wird das demnächst auch geändert? Alle, die auch nur ein wenig Erinnerungsvermögen besitzen, sollten jetzt doch hellhörig werden. Beim Lesen des Artikels überkamen mich Anwandlungen – ich habe mal in einem alten »Stürmer« geblättert, und das klang vom Tenor her sehr ähnlich …

Der italienische Schriftsteller Ignazio Silone soll laut dem Schweizer Journalisten François Bondy einmal bemerkt haben, wenn der Faschismus wiederkäme, dann würde er nicht sagen »Ich bin der Faschismus!«, sondern er würde sagen: »Ich bin der Antifaschismus!«. Ein Satz zum Nachdenken.

Die neuesten Kommentare (7.9.20) auf »Spiegel Online« sind aus meiner Sicht mal wieder ein trauriger Beleg dafür, dass an obigem Zitat mehr dran sein könnte als uns lieb ist. Neben dem – nun, freundlich ausgedrückt – »seltsamen« Demokratieverständnis von Berliner Innensenator Andreas Geisel und Saskia Esken, der Bundesvorsitzenden der SPD, geht es hier um die Zuweisung jeglichen Widerstandes gegen die »Maßnahmen« in die rechte, verschwörungstheoretische Aluhutecke. Und natürlich muss man sich mit durchaus bedenkenswerten Äußerungen nicht auseinandersetzen – ein Rechtsextremer hat sie gesagt, also sind sie irrelevant. Keine inhaltliche Auseinandersetzung notwendig, ab ins Klo damit. Das alles ist eingebettet in den üblichen Mix aus Verdrehungen, Auslassungen, Halb-, Viertel- und Achtelwahrheiten, gewürzt mit frei Erfundenem. Krokodilstränen werden geweint, über die Bösen, die die Gesellschaft spalten. Bitte mal in den Spiegel schauen, an die eigene Nase packen!

Noch was fällt mir auf. Seit etwa zwei Tagen gibt es auf einigen kritischen Webseiten keine Updates mehr. Nein, wer mir jetzt einen Gedanken an Zensur unterstellt, den oder die muss ich enttäuschen. Mir macht hier eher Sorgen, wie massiv die Deutungshoheit der regierungsnahen Kräfte in den letzten Tagen zugenommen hat. Schwindet dort, bei den Machern der Seiten, die Hoffnung, noch etwas »reißen« zu können? Eine friedliche Demo mit hunderttausenden Teilnehmerinnen quasi in der Versenkung verschwinden zu lassen ist nämlich schon eine »Leistung«. Stattdessen wird nun eine höchstwahrscheinlich inszenierte, lächerliche Aktion, der »Sturm auf den Reichstag« von ein paar hundert »ReichsbürgerInnen«, als Nebelbank und zum Synonym des Protestes aufgeblasen. Gleichzeitig wird die »Gefährlichkeit des Widerstandes für unsere Demokratie« gebetsmühlenartig in die Köpfe und Herzen der Mehrheit gehämmert. Der derzeitige Zustand entspricht Kriegspropaganda – »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!«. Dass ca. 90 Prozent der Leute dies glauben, macht mir Angst. Wir befinden uns im Krieg – aber nicht gegen »das Virus« oder »die rechte Gefahr«, sondern gegen Vernunft und Besonnenheit, also »Gesunden Menschenverstand« bzw. »Common Sense« im Englischen – eine Synthese aus Intuition, Lebenserfahrung und Verstand. Der Krieg richtet sich weiter gegen fairen Gedankenaustausch und damit gegen die Demokratie. Das alles trifft natürlich nur zu, wenn man unter Demokratie etwas Anderes versteht als das Recht des Stärkeren.

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