Samstag, 10. Oktober 2026

»Das Medium selbst ist die Botschaft«

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Ein paar Gedanken zu einem aktuellen Selbstversuch

Ich bin »ein alter Sack« – aufgewachsen in einer durch und durch analogen Zeit. Meine frühe Kindheit fiel noch in die fünfziger Jahre. Ich erinnere mich daran, wie ich in den Trümmern des Stadtteils von Darmstadt spielte, in den meine Eltern umgezogen waren, als ich etwa drei war. Nein, mit drei habe ich das noch nicht gemacht, aber mit fünf. Heute unvorstellbar.

Heute Nachmittag habe ich zufällig aus dem Fenster geschaut und dabei ein Kind von ungefähr fünf auf der kleinen Wiese dort im Innenhof herumtollen sehen. Und das ohne Helm!  Wieso ich das erwähne? Weil das heute die Ausnahme ist. Es zeigt mir, welch epochalen Wandel ich mit meinem Leben bereits durchlaufen habe.

Es wäre schön, mich darüber auszutauschen, denn es liegen sprichwörtlich Welten dazwischen. Und ich könnte so was wie eine Brücke zwischen ihnen sein. Es interessiert aber so gut wie niemanden. Die Zeit ist jetzt, und ihre Maßstäbe sind selbstreferentiell. Und wie ich finde, ist dies heute mehr so als damals. Nun, ich kann mich irren.

Ein fast gleichaltriger Freund erzählte mir vor einiger Zeit, ein junger Mensch hätte ihn gefragt, was für einen Rechner er damals, als er sechzehn war, gehabt hätte. Immerhin fragte er nicht nach einem Smartphone, doch ich würde eine solche Frage nicht völlig ausschließen …

Mein Freund antwortete: »Als ich sechzehn war, gab es noch keine PCs. Ja, es gab schon Computer, doch das waren Maschinen, die in Hallen standen und eine Menge Leute brauchten, die sie bedienten. Und diese Maschinen waren nur für große Institutionen verfügbar.«

Nun, wenn ich heute zwanzig wäre, dann wäre es vermutlich unvorstellbar, wirklich unvorstellbar, dass es mal eine Welt gab, in der man nicht über einen kleinen Bildschirm mit Freunden und Bekannten in Verbindung stand – überall und jederzeit. Und überall und jederzeit stehen alle möglichen Services – Möglichkeiten – zur Verfügung: Man kann nicht nur telefonieren und Fotos und Videos in hervorragender Qualität aufnehmen, sondern auch Musik hören, Filme schauen, Videospiele spielen (auch mit Anderen zusammen, die ganz woanders sind), spontan und auf der Stelle Elektroroller, Fahrräder und sogar Autos mieten, und, und, und, …

Kurzum: Dieser Taschencomputer ist ein Universalgerät, im Grunde pure Magie. Und ich muss gestehen: Auch ich bin fasziniert, auch ich habe so ein Ding. Es ist praktisch, ja, auch wenn ich im Vergleich zu ganz vielen nur einen winzigen Teil seiner Möglichkeiten nutze. Ich nenne das »selektive Nutzung« – weil ich bewusst auf vieles verzichte, nach was die meisten meiner Mitmenschen geradezu verrückt zu sein scheinen. Social Media zum Beispiel.

Wieso also »Selbstversuch«? Und wieso das lange Intro? Weil ich mal umreißen wollte, wie ich in bzw. zu der ganzen Sache stehe und »woher ich komme«. Und ich muss gestehen: Das Ganze hat mich ein ganz klein wenig Überwindung gekostet. Es war selbst für mich ungewohnt, denn meistens greife ich nicht nur mein Portemonnaie (ja, so was habe ich noch), sondern wie selbstverständlich auch mein kleines Gerät und stecke es ein, wenn ich aus dem Haus gehe.

Eine Party, bei der es um Begegnungen unter Männern geht, die alles von Quatschen beim Bier oder Wein bis hin zu handfestem Sex sein können. Und alles dazwischen, oder auch von Allem etwas. Genau diese Offenheit, diese Möglichkeiten machen sie auch für mich Älteren attraktiv. Sie findet einmal im Monat statt – alleine das macht sie »anders« im Vergleich zu Etablissements, die jeden (oder fast jeden) Tag geöffnet haben.

Nun, gestern Abend war der Tag im Monat. Und ich entschied mich zu einem kleinen Selbstversuch. Ich wollte wissen, was es mit mir (und meinem Erleben) macht, wenn ich dieses kleine schlaue Gerät nicht dabei habe. Nicht dabei, also nicht mal ausgeschaltet in meiner Jacke. Ich erwischte mich bei dem Gedanken »Was ist, wenn dir was passiert? Du mit Deinem Rad stürzt?« Nun, ich befinde mich in einer großen Stadt. In einer ländlichen, einsamen Gegend hätte ich mich womöglich anders entschieden. Mir war klar, dass ich mit etwas Geduld ziemlich sicher jemanden finden würde, der mir weiterhilft. Also: So what!

Nach ein paar Minuten Fahrt stellte sich ein interessantes Gefühl ein, das ich nur schwer in Worte fassen kann: Ich fühlte mich auf eine Weise »wie damals« – will heißen, in der Zeit, als es noch keine Mobiltelefone, ja nicht mal PCs gab. Wo ich einfach irgendwo hinging und dann dort war. Einfach so. Ohne den Gedanken, erreichbar zu sein, und dass womöglich Mitteilungen auf mich warteten. Oder nach Lust und Laune irgendwelche Services über ein kleines rechteckiges Ding in meiner Hosentasche bekommen zu können, wann immer ich es wollte.

Ich kam an und hatte einen wundervollen Abend, sehr sinnlich und lustvoll – ich könnte auch poetisch sagen, beinahe tantrisch. Da war eine Präsenz und Direktheit in mir, die ich verloren glaubte, ja inzwischen beinahe versucht war, als »nostalgische Einbildung« abzutun. Alleine das will was heißen und lässt mich sehr nachdenklich zurück. Also: Auf eine Weise war es für mich »wie früher« …

Ich kann es nur noch mal wiederholen: Wenn ich in mich hineinspüre, dann ist mir klar, dass das selbst dann anders gewesen wäre, wenn ich das Gerät ausgeschaltet mit meiner Jacke an der Garderobe abgegeben hätte. Es wäre auf eine subtile Weise doch für mich »da« gewesen – unterbewusst. Näher komme ich nicht heran. Selbst wenn es dort ausgeschaltet »dabei« gewesen wäre, hätte es mein Erleben auf eine seltsame, sehr unterschwellige Weise »verzerrt«.

Eine sehr interessante Beobachtung! Alleine schon die Möglichkeit einer »Mediation«, einer »augmentierten Realität« (welch entlarvender Ausdruck!), die in meiner Jacke auf mich »wartete« hätte mein Erleben verändert, mein Gefühl von direkter Präsenz »gestört« …

Nun, das ist wie gesagt die Beobachtung (oder Wahrnehmung) eines alten, in analoger Zeit aufgewachsenen Mannes. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn vor Allem Jüngere darüber nur den Kopf schütteln (so sie dieses Textchen überhaupt lesen würden). Es ist zudem anekdotisch, und auf eine Weise bin ich sicher »ver-rückt« …

Trotzdem treibt mich jetzt immer noch (und nach diesem kleinen Selbst-Test verstärkt) die Frage um, was Technik mit uns macht. Ja, ob das Beobachtete vielleicht in diesen kleinen Geräten einen (vorläufigen) Höhepunkt einer Entwicklung erreicht hat, die uns immer weiter von uns selbst wegbringt, uns immer mehr zu Konsumenten unseres eigenen Lebens macht, anstatt dass wir wirklich selbst (er-)leben …

»Das Medium selbst ist die Botschaft.« Ich habe jetzt einen ganz persönlichen Eindruck davon, jenseits von Worten, was dieser Satz von Marshall McLuhan bedeutet – und um welche »Botschaft« es sich handeln könnte …

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