Freitag, 2. Oktober 2026

Bevor es weg ist …

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Bevor es weg ist …

Heute war ich mit einem Bekannten bei einer Ausstellung in den Reinbeck-Hallen in Schöneweide. Dort gab es Bilder von Klaus Greiner zu sehen – aus den siebziger Jahren der DDR, die weitaus meisten aufgenommen in Berlin-Prenzlauer Berg und Mitte.

Was ich jetzt hier schildere ist ein sehr persönlicher Eindruck, ausdrücklich ohne irgendwelche Versuche von »Objektivität«. Meine, wie ich das nenne, »fundierten Eindrücke« der DDR (respektive vom anderen Teil der Stadt, von Ostberlin) begannen im Herbst 1985, kurz nachdem ich nach Westberlin gezogen war. Über einen Bekannten aus Hamburg lernte ich zunächst einen jungen Mann im anderen Teil der Stadt kennen, über ihn dann bald noch etliche Leute mehr – die meisten jünger als ich, aber nicht alle.

Ich war danach oft im Ostteil der Stadt. Auf eine Weise fühlte ich mich dort wohler als im »Westen« – das hing mit den Menschen dort zusammen und mit dem Umgang miteinander. Den fand ich offener, direkter, ehrlicher, authentischer. Ich weiß, letzterer Begriff ist völlig verbraucht und entwertet und bedeutet heute eher das Gegenteil von dem als das, für was er damals stand. Damals.

Damals … Das wurde mir beim Anschauen dieser Bilder wieder klar. Sie sind nicht nur Zeitdokumente der untergegangenen DDR, sondern stehen auch für etwas, das fast völlig aus dem Leben verschwunden ist – zumindest für mich. Es ist eine Menge Straßenfotografie dabei – mit Menschen aller Altersstufen, deren Gesichter zu sehen sind, die zum Teil in die Kamera schauen, teils auch nicht. Wie sie in die Kamera schauen ist interessant: Sie sind da, die Kamera »fängt« sie in ihrem unmittelbaren, direkten Leben ein. Da ist nichts »Gemachtes«, kein »unbedingt gut aussehen Wollen«. Sie sind da –  in ihrem Kiez, auf der Straße, an ihrem Wohnungsfenster oder der Ladentür.

Sie sind da, wie sie sind. Diese Bilder sind geradezu schockierend »ehrlich«. Ich kann die Menschen auf den Bildern sehen – Kinder, junge Leute, alte Leute, in ihrem So-Sein. Da ist ihr »kultureller Hintergrund«, das Leben in der DDR. Doch ich sehe sie auch als Gegenüber in ihrem Sein, ihrem So-Sein. Das hat eine Schönheit, die auf Bildern selten zu sehen ist, besonders heute.

Es ist natürlich mein Verständnis von Schönheit. Ich habe schon mehrfach erlebt, dass wenn mir im Bekanntenkreis mal ein Bild gelingt, das aus meiner Sicht diese Qualität hat, mit wenigen Ausnahmen die Reaktion »Mach das weg, das ist furchtbar!« kommt. Da hilft in der Regel auch keine Erläuterung, was ich in diesem Bild sehe: Ich lösche das Bild, schweren Herzens. Es ist ein Bisschen so als ob ich ein Stückchen Gold gefunden hätte, und die Leute um mich rum schreien »Wie eklig, schmeiß das weg!«.

Nun, so ist das halt im Regelfall. Und hier sehe ich Bilder, haufenweise, von denen die meisten für mich genau diese Qualität haben … Unglaublich. Ich schaue in Ehrfurcht und begreife, begreife zumindest ein Bisschen mehr, »wie sehr sich die Zeiten geändert haben«, und auch, wieso ich mir damit schwer tue.

Verschwunden ist nicht nur die DDR. Dort gab es viel, was auch ich ablehnte und noch ablehne. Doch es gab eben auch vieles, was ich bewunderte. Die Offenheit und Direktheit der meisten Menschen dort gehört für mich dazu. Und auch so was wie Lebenskunst in Anbetracht der in manchen Bereichen sehr begrenzten Möglichkeiten.

Als wir hinausgingen, lief vor uns ein Mann unserer Altersstufe. Ich weiß nicht mehr wie, doch auf einmal waren wir im Gespräch. Es stellte sich heraus, dass es der Fotograf war, dessen Bilder wir eben angeschaut hatten. Er war gewissermaßen »mal incognito« hier und erzählte uns, dass er in jungen Jahren eine Zeit lang in diesen Gebäuden gearbeitet habe, als dies noch eine Fabrik und noch kein schickes Projekt- und Ausstellungsgelände war.

Dies seien überwiegend Bilder aus seinem Wohnkiez gewesen, erzählte er uns. Dort kannte er fast jeden und fast jeder kannte ihn. So sei da ein großes Vertrauen gewesen, als er mit seiner Kamera dort fotografierte. Das kommt auch auf seinen Bildern »rüber«, finde ich. Er habe später zudem den Leuten die Kontaktabzüge gezeigt, und die Reaktionen seien fast ausschließlich positiv gewesen. Und trotzdem: Heute wäre das nicht mehr möglich. Zum Einen gibt es solches bekannt Sein in den Kiezen nur noch ausnahmsweise. Und zum Anderen würde ich selbst dann schnell Ärger bekommen: Heute würde man die Polizei rufen, wenn jemand Kinder beim Spielen auf der Straße fotografierte. Und nach bestimmten Erfahrungen mit viel »harmloseren« Motiven, bei denen ich Mühe hatte, die Leute zu beruhigen ist meine Bewunderung noch mal größer.

»Die Zeiten haben sich eben geändert.« Ja, haben sie, definitiv. »So was« wäre heute nicht nur unmöglich, es wäre undenkbar. Denn heute sind alle pausenlos im übertragenen Sinne »auf dem Laufsteg«. Nichts ist mehr unschuldig, offen, direkt. Die Pose muss »sitzen«, die Welt muss sehen, wer und was ich sein will, und sie muss das bedingungslos akzeptieren. Falls nicht, gebt es aber ab!

Mein Begleiter machte in unserem Gespräch mit dem Fotografen eine Bemerkung, die ich unpassend fand, und ich hatte das Gefühl, dass sie bei diesem alte Wunden aufriss. Als ich ihm aber sagte, wie sehr mich die Bilder berührt hätten wurde er wieder offener, zugewandter.

Er verabschiedete sich von uns dann mit einem Lächeln und meinte noch: »So sieht Wiedervereinigung aus – auf Augenhöhe, nicht von oben nach unten!« Ich bin immer noch am Nachspüren, ob es es auch die Chance einer Wiedervereinigung dessen gibt, was ich beschrieben habe, mit dem, was ich tagtäglich erlebe …

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