Sonntag, 30. August 2020

Die Diktatur der Gesichtslosen

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Die Diktatur der Gesichtslosen

Gestern war die zweite Großdemonstration in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen. Aus meiner Sicht war die Zusammensetzung der TeilnehmerInnen die gleiche wie bei der ersten am 1. August, nur dass diese Demo womöglich viel größer war. Immerhin gestehen ihr die Leitmedien nun etwa die doppelte Größe der ersten zu – »Spiegel Online« sprach zunächst von ca. 38.000 Teilnehmenden. Am Abend gab es nun einen »Faktencheck«, der diese Angaben nach unten korrigierte.

Das Wort »Faktencheck« stammt mit ziemlicher Sicherheit aus einem der Thinktanks des »Social Engineering« und ist eines von denen, über die Kurt Tucholsky wohl sagen würde, »man solle sie in Stempel schneiden und dann verbrennen«. Man könnte es auch »Zertifizierte Wahrheitsgarantie« nennen – so arrogant wie absurd. Und in diesem Faktencheck wird »bewiesen«, dass nicht mehr als ca. 32.500 TeilnehmerInnen dort waren. Das verwendete Luftbild zeigt zum Einen eine ganz bestimmte Situation, die jedoch nach meinem Eindruck über die vielen Stunden, die ich dort war einen besonders »schütteren« Moment herauspickt, und zum Anderen gipfelt die Argumentation in Zynismus: »Um auf 100.000 oder mehr Teilnehmer zu kommen, hätten die Menschen mindestens dreimal dichter stehen müssen – auf der gesamten Fläche. Oder aber sie hätten links und rechts von der Straße des 17. Juni zusätzlich je mindestens einen 40 Meter breiten Streifen belegen müssen, also insgesamt mehr als 120 Meter auf der vollen Länge von 1700 Metern. Eine sechs- oder gar siebenstellige Teilnehmerzahl erscheint daher unrealistisch. Sie wäre nur möglich, wenn massiv gegen die Abstandsregeln verstoßen worden wäre. Die Veranstalter haben jedoch penibel darauf geachtet, dass diese zumindest ungefähr eingehalten wurden. Als die Menschen sich vor der Bühne drängten, gab es Durchsagen, sich doch bitte weiter weg auf Flächen aufzustellen, wo mehr Platz war. Die Luftaufnahmen des Veranstalters Querdenken 0711 belegen, dass es zumindest auf dem Platz an der Siegessäule kein dichtes Gedränge gab.« (Hervorhebung von mir)

Also: Weil sich die Teilnehmenden überwiegend an die Abstandsregeln hielten, seien die Angaben der Veranstalter unrealistisch. Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen — außer, dass das Bundesverfassungsgericht nun auch das zunächst erlaubte »Friedenscamp« (in »Spiegel«-Diktion »Protestcamp«) verboten hat. »Es könne zum Schutz vor Infektionsgefahren auch ein Versammlungsverbot ausgesprochen werden, wenn mildere Mittel nicht zur Verfügung stünden. Im Fall des geplanten Camps gebe es keine anderen Mittel zur Gefahrenabwehr. Der Antragsteller, der am Samstag auch eine der Anti-Corona-Demonstrationen veranstaltet habe, habe nicht dargelegt, dass er sein Hygienekonzept mit Blick auf ›nunmehr vorliegende Erfahrungen‹ angepasst habe. Er habe auch nicht dargelegt, wie das Konzept über 14 Tage realisierbar sei.« (Hervorhebung von mir) Also: Das »Hygienekonzept«, das für 32.500 Menschen weitgehend funktioniert hat, soll in dem geplanten, viel kleineren Rahmen nicht funktionieren? Hä? Immerhin: Damit ist nun von höchster Stelle bestätigt, dass die »Fake-Pandemie«, wie ich sie mal salopp nennen mag, unbedingten Vorrang vor der Demokratie hat. Diese hat damit offiziell aufgehört zu existieren. »Diese Entscheidung ist unanfechtbar.« Ermächtigungsgesetz 2020. Die weitaus meisten werden das begrüßen.

Doch zurück zu gestern Mittag. Selbstverständlich waren es die üblichen »Verdächtigen«, die dort waren: neben einer Unmenge Nazis also die bereits bekannten … Ich spare mir hier die Aufzählung. Wer sie noch nicht kennt, mag sie selbst nachlesen – zum Beispiel hier. Ein sehr seltsamer Moment war, als ich an einer Ecke in der Friedrichstraße auf eine Schar dunkel gekleideter Leute traf – die meisten von ihnen jüngere Männer mit schwarzen Masken. Ich konnte sie erst nicht einordnen, da immer mehr Menschen von Unter den Linden um die Ecke kamen und auch einige von ihnen Masken trugen, allerdings meist helle. Die Gruppe begann auf einmal »Nazis raus!« zu skandieren. Da war es mir klar: Sie gehörten zu einer der Gegendemonstrationen, einer der Demos der Aufrechten, die mutig gegen diesen gigantischen Naziaufmarsch protestierten. Sie waren die Vertreter der verantwortungsvollen Mehrheit, die weiß, dass alle Maßnahmen der Regierung nur der Rettung von unser aller Leben dienen und die Solidarität Aller erfordern – der sich dieser Abschaum hier entzieht, ja sogar noch dagegen demonstriert. Das hatte der rechtschaffene Berliner Innensenator Andreas Geisel am vergangenen Mittwoch zu verhindern versucht, war damit aber vor Gericht letztendlich gescheitert. Das bedauern viele, nehmen es aber als Argument dafür, dass unser Rechtsstaat ja auch den »Covidioten« noch Raum gebe. Die Gegendemonstrationen hingegen waren von ihm nicht verboten worden. Also keine Gefahr für die Demokratie, im Gegenteil! Der Rechtsstaat ist ja noch nicht tot. Er zuckt noch. Und die weitaus meisten werden das endgültige Abkippen in eine Gesinnungsjustiz, das sich bereits abzeichnet, begrüßen: Der Staat spiegelt ihre eigenen Gewissheiten, und das ist genau in ihrem Sinne. Sie fühlen sich bestätigt. Denn das Gift ist innen, und der psychische Prozess, die Energie geht längst von innen nach außen. Das Außen spiegelt nur das, was im Innen stattfindet.

Was ihm mit dem Verbot wohl gelungen ist, ist einen Teil der Demonstrationswilligen zu verunsichern und abzuschrecken und zugleich eine Haltung der überwältigenden Mehrheit zu »bedienen«. Wie viele das letztlich waren, die deshalb nicht gekommen sind, kann ich nur vermuten, denn erst etwa zwölf Stunden vor dem geplanten Beginn war klar, dass das Verbot aufgehoben würde. Zurück zu der eben geschilderten Situation. Auf einem Stromkasten am Straßenrand saß ein Mann mit schwarzer Maske mit helleren Punkten drauf. Von seinem Gesicht war nur seine Augenpartie zu sehen. Ich schätzte ihn aufgrund seiner Haare und ein paar weiteren Eindrücken auf etwa Mitte vierzig. Er sprach mich sprichwörtlich von oben herunter an, warum ich denn hier demonstrieren würde. Seine Stimme war durch die Maske und dem Lärm um uns herum nur schwer zu verstehen, und so kam ich zu ihm herüber.

Es entspann sich eine Diskussion, die ich hier aufs Wesentliche abkürzen möchte: Für ihn gäbe es nicht die geringste Beeinträchtigung unserer Demokratie – alle Diskussionen fänden so statt, wie sie sollen. Kritiker der Maßnahmen wie Professor Bhakdi seien abgehalfterte, inkompetente Leute, die sich anmaßten über Dinge zu reden, von denen sie im Grunde keine Ahnung (mehr) hätten. Auch »Ich handle verantwortungsvoll und trage die Maske zu deinem Schutz!«, durfte ich mir anhören. Und überhaupt hätte Schweden so ziemlich alles falsch gemacht, was man hätte falsch machen können. Denn nur durch den Lockdown und unsere kollektive Disziplin stünden wir hier in Deutschland  nun so blendend da. Bei all dem klang unterschwellig durch, was ich schon an anderer Stelle thematisiert hatte: »Du und deine/eure Verantwortungslosigkeit und Egoismus sind das Problem.« Das wurde von ihm zwar nicht explizit gesagt, aber implizit sehr wohl.

Ich brach dann irgendwann das Gespräch ab, da mir meine Zeit dafür zu schade war und vor Allem, weil ich mich in der Gegenwart eines im doppelten Sinne von oben herunter argumentierenden, meinen Fragen geschickt ausweichenden, gesichtslosen Gegenübers zunehmend unwohl fühlte. Denn die Maske ist auch ein Ermächtigungsinstrument! Es spiegelt auf eine Weise eine Situation, wie etwa ein nackter Mensch einem bekleideten gegenüber verletzlicher, offener und angreifbarer ist. Macht verdeckt sich, hält sich bedeckt. War es vorher ein demonstratives Pokerface des Darüberstehens, so setzt die Maske jetzt die Energie frei, die bislang fürs Aufrechterhalten dieses Pokerfaces nötig war. Die Mimik ist ja nun weitgehend unsichtbar und muss nicht mehr bewusst kontrolliert werden. Die »frei gewordene« Energie kann nun in die eigene Position »investiert« werden.

Menschen, die diese Haltung bereits bisher schon gut fanden (und das sind meiner Meinung nach viele), fühlen sich nun um ein weiteres »Werkzeug«, eine weitere Ressource beschenkt. Für sie wird auch eine allgemeine Maskenpflicht keine Einschränkung, sondern eine Ermächtigung bedeuten, die sie über ihre Mitmenschen erhebt: Sie sind nicht nur moralisch überlegen und unübersehbar als soziale, solidarische, vernünftige und verantwortungsvolle Mitbürger »zertifiziert«, sondern können sich auch in der geschilderten Weise bedeckt halten. Ein doppelter Vorteil: Nicht nur ihre persönliche Überlegenheit ist weniger angreifbar geworden – nein, sie wissen zudem die Rechtschaffenheit der »Volksgemeinschaft« hinter sich. An dieser Stelle noch mal: Hut ab vor denjenigen, die diesen Geniestreich des »Social Engineering« konzipiert haben! »Make ›1984‹ Fiction again!«, hatte einer meiner Mitdemonstranten auf seinen T-Shirt stehen. Ich beglückwünschte ihn dafür.

Und hier waren sie also: die wahren Antifaschisten! Ich verabschiedete mich demonstrativ höflich, nicht um noch einen Gedanken zu äußern, der mir ja schon früher mal gekommen war (siehe Eintrag vom 25.4.20): Dass nämlich eines nicht allzu fernen Tages »rechtschaffene« und ganz von ihrer Sache überzeugte Leute die »Lösung« des »Problems« selbst in die Hand nehmen könnten – unter stillschweigender Duldung, ja gar mit Unterstützung des Staates. Er quittierte meine Bemerkung mit einem verächtlichen Kopfschütteln – nun, das habe ich so interpretiert, seine Mimik war ja fast komplett unsichtbar. Dann begannen erneut »Nazis raus!«-Rufe von den Leuten neben ihm, und ich konnte es mir nicht verkneifen zurückzubrüllen: »Die Welt ist aber auch so einfach! Hier sind die Bösen, da die Guten!«

Die Rufe verstummten, und eine wunderschöne alte Frau mit langen glatten Haaren, die auf einen Rollator gestützt an mir vorbei lief, sprach mich an: »Ich habe die Nazizeit noch als Kind erlebt. Meine Familie war im Widerstand. Nun werde ich von diesen Leuten als Nazi beschimpft. Dass mir so was heute passiert, ist absurd und macht mich fassungslos.« Sie gehörte zu den verantwortungslosen MitbürgerInnen, die hier ohne Maske herumliefen. Nun, es gab bei eingehaltenem Abstand hier nicht mal eine gesetzlich angeordnete Maskenpflicht, muss ich in diesem Zusammenhang erwähnen. So konnte ich ihr schönes, ja geradezu leuchtendes Gesicht sehen. Hätte sie eine Maske getragen, wäre mir das höchstwahrscheinlich entgangen. Welchem Fremden kann ich spontan direkt in die Augen schauen, ohne übergriffig zu wirken? Das ist die große Ausnahme, und wenn es denn passiert ist, gab es davor nonverbale Kommunikation zwischen uns, die durch eine Maske unterbunden worden wäre.

Doch ich weiß, dass ich zu einer aussterbenden Art gehöre. Auch wenn sehr vielen diese Zusammenhänge nicht bewusst sein werden – sie alle werden sich nach und nach anpassen, es selbstverständlich finden, dass Menschen Abstand halten und Lappen vor dem Gesicht tragen, weil sie im Anderen (und sich selbst) eine Bedrohung sehen und nicht mehr unser Aller Mitmenschlichkeit. Das ist unsere Zukunft, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Die überwältigende Mehrheit macht mit und fühlt sich gut dabei. Doch auch mit ihnen wird das etwas machen. Da sie jedoch perfekt im Verdrängen und Rationalisieren sind, wird das nur für eine kleine Minderheit Folgen haben. Die große Mehrheit wird sich willig einreihen in die neue Diktatur der Gesichtslosen. Die Wendung »Gesicht zeigen« hat ja im Deutschen eine interessante, mehrdeutige Konnotierung. Willkommen in der Hölle!

Eben (7.9.20) las ich über einen Link eine Replik auf die Behauptung, die Maske sei ein linkes Symbol. Nein, sie ist aus Sicht der Autorin (und aus meiner) ein totalitäres Symbol, eines der Unterwerfung unter den Willen der Regierung und der überzeugten Mitmenschen, ein Zeichen totalitärer Haltung. Immerhin, im »Freitag«! Das allein ist schon eine kleine Sensation. Doch ich fürchte, die überwältigende Mehrheit der »Rechtschaffenen, Verantwortungsvollen und Sozialen« wird diese klaren, mahnenden Worte nur mit einem verärgerten Kopfschütteln quittieren …

Das Propagandagetöse erreicht weitere Höhe- (oder besser: Tief-)Punkte. Heute (11.9.20) fand ich zum Beispiel bei »Spiegel Online« einen Artikel mit dieser Überschrift: »Neue Theorie zu Covid-19. Sorgen Masken unbemerkt für Immunität? Alltagsmasken schützen vor Infektionen, in diesem Punkt sind sich Mediziner einig. Jetzt geht jedoch eine neue Theorie von US-Forschern um die Welt, die den Masken noch ein ganz anderes Potenzial attestiert.« Ich glaube, dazu muss ich inzwischen nichts mehr kommentieren. Wer sich auch nur ein Bisschen mit dem Thema beschäftigt hat, für den ist es offensichtlich: Hier werden gleich mehrere Dinge regelrecht beschworen, die bestenfalls ein Bröckchen Wahrheit (oder besser: Realitätsbezug) in sich haben. Im Artikel wird interessanterweise wieder das Verfahren angewandt. das ich schon mal beschrieben habe: Es wird so formuliert, dass ein bestimmter Eindruck beim Leser entsteht. Wer diese Methode nicht kennt, wird ihr mit Haut und Haaren aufsitzen. Doch die Autorin des Artikels wird man später, so es denn passiert, nicht auf eine bestimmte Meinung festlegen können: »So habe ich das nie gesagt …« Und das alles ist natürlich keinerlei Absicht. Dass sie damit glatt wie ein Fisch wird – na ja, das hat sich halt einfach so ergeben … Purer Zufall. Passiert halt.

Hier noch der Link zu einem Artikel, der mich sehr nachdenklich zurückließ. Auch ich sehe die Hauptschuld bei der überwältigenden Mehrheit, die kein nennenswertes Problem in der gegenwärtigen Lage erkennen kann. Ein positiver Test bei einer Schülerin oder einem Lehrer? Na, dann wird halt die ganze Schule geschlossen. Dass sie keinerlei Symptome zeigt oder infektiös ist, interessiert niemanden. Dieser »Logik« folgt die überwältigende Mehrheit ohne Fragen, geschweige denn Protest.

Das spricht die maßgeblichen Player auf der Ebene der Regierung, der Lobbys und der Gerichte keinesfalls frei, doch es gehören immer zwei dazu: Ein Verführer und ein/e Verführte/r. Und dieses Theater des völligen Irrsinns wird erst enden, wenn eine maßgebliche Zahl von Leuten laut »Stop!« ruft – oder das ansonsten unvermeidliche, bittere Ende kommt.

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