Montag, 30. Mai 2011

Gekündigt!

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Gekündigt!

Es klingelt. »Einschreiben!« sagt eine Stimme, als ich öffne. Noch etwas verpennt nehme ich den Brief, schiebe ihn auf die Kommode neben der Tür und krakele eine Unterschrift auf eine Displayfläche. Das Geräusch treppab laufender Füße verstummt, als ich die Tür wieder ins Schloss drücke.

Einschreiben! Ich schaue auf den Absender: Es ist von meiner Hausverwaltung. Mit leicht zittrigen Händen führe ich das Messer innen an der oberen Kante des Briefes entlang, entnehme das Schreiben. »Kündigung Ihres Mietvertrages zum 31.08.2014« steht groß und fett vor meinen Augen.

Völlig verdattert lese ich weiter: » … nach wiederholten Beschwerden mehrerer Mitmieter sehen wir uns gezwungen, zur Wahrung des Hausfriedens … « Allerlei Dinge schießen mir durch den Kopf. Hatte ich die Stereoanlage zu laut aufgedreht? War ich unachtsam und habe Müll im Treppenhaus fallen lassen, und es ist mir nicht aufgefallen? Habe ich aus Versehen Öl verkleckert, als ich neulich die Kette meines Fahrrads nachschmierte?

Meine Augen springen weiter im Text: » … fühlen sich mehrere Mietparteien durch Ihr Auftreten erheblich belästigt, und das nicht nur gelegentlich. Die Schilderungen der Klageführer geben allen Anlass zu befürchten, dass sich diese Zustände auf absehbare Zeit nicht ändern werden. Außerdem haben Sie sich damit auch des Verstoßes gegen gültige Rechtsvorschriften schuldig gemacht. Wir sprechen Ihnen deshalb zum 31. August 2014 die fristgerechte Kündigung aus.

Die Vorwürfe der Hausgemeinschaft lauten im Einzelnen wie folgt: Arrogantes und provozierendes Verhalten den Mitmietern gegenüber, vor allem durch unerwünschtes Ansprechen und Grüßen im Treppenhaus. Ihr Kleidungsstil entspricht darüber hinaus nicht den Vorschriften von § 999  SGB/DIN 2014-23329, wonach das Tragen von nicht genehmigten Kleidungsstücken, insbesondere von dem Gesetzgeber unbekannten Marken in der Öffentlichkeit, seit dem 01.07.2013 als Ordnungswidrigkeit geahndet werden kann. Die Klageführer fühlen sich durch dieses Ihr Verhalten erheblich in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt.

Ferner entspricht Ihre Kleidung nicht der Farbnorm DIN 2014-21453, wonach entsprechend § 1001f SGB für Ihre Altersstufe das Tragen der von Ihnen bevorzugten leuchtenden Farben in der Öffentlichkeit seit dem 01.03.2014 unzulässig ist.

Weiter wurden Sie mit einem Mobiltelefon gesehen, das älter als zwei Jahre ist. Der Gebrauch solcher Geräte außerhalb privater Wohnbereiche ist nach SGB § 1104c/d seit dem 01.01.2014 nicht mehr zulässig. Das Gesetz sieht somit vor, dass Sie auf Mobiltelefonate in der Öffentlichkeit verzichten müssen, wenn Sie sich kein neues Modell leisten können.

Darüber hinaus wurden Sie des Öfteren ohne Sonnenbrille und ohne Kopf-/Ohrhörer angetroffen. Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass es einen Verstoß gegen SGB § 1040a vom 02.05.2013  (»Privatheitsgesetz «) darstellt, andere Menschen dazu zu zwingen, Ihre Augen sehen zu müssen, sowie unerlaubt Lautäußerungen Ihrer Mitbürger wie Räuspern, Husten etc. zuzuhören.

Gegen diese Kündigung ist innerhalb von 4 Wochen ab Zustellung Widerspruch zulässig. Wir dürfen Sie aber schon jetzt darauf hinweisen, dass nach geltender Rechtslage die Aussichten auf Erfolg einer Klage als gering einzuschätzen sind.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Hausverwaltung

Damals, als ich diese Glosse schrieb, war das alles eine leicht alberne Phantasie, eine Satire. Dass wir zwar noch nicht so weit sind, doch uns auf dem besten Wege dorthin befinden, wird mir immer klarer. Der Druck wird jedoch wohl weniger von staatlichen Stellen kommen, wie ich das damals phantasierte. Er kommt heute von einem ungeheuren gesellschaftlichen Konformitätsdruck, der jedoch offenbar von fast Allen als Individualität wahrgenommen wird. »Die stromlinienförmige Gesellschaft« kam mir mal dazu. Alles, was nicht unter der Rubrik »cool« einsortiert werden kann ist ‘raus. Doch aus meiner Sicht wird eine Demokratie ohne ein Mindestmaß an Reibung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft nicht funktionieren – zumindest nicht auf Dauer. Damit meine ich nicht aggressives gegeneinander Kämpfen, sondern ein sich selbst in Frage stellen, sich hinterfragen Können in Bezug auf die Gemeinschaft. Also eher ein innerer Prozess denn eine äußere Aktion, auch wenn das natürlich Folgen im Außen hat.

4. Juni 2019

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2 Kommentare zu »Gekündigt!«

  1. Daß das Satire ist, habe ich erst bei der Zeile
    … vor allem durch unerwünschtes Ansprechen und Grüßen im Treppenhaus. gemerkt.
    Erinnert mich an die Satiren von Roland Rottenfußer.

  2. Lieber Arnd,

    ja, gut so! So wirst Du in die Geschichte hineingezogen …

    Claus

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