Dienstag, 26. September 2017

»Wehret den Anfängen!«

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»Wehret den Anfängen!«

So lautet ein altes deutsches Sprichwort. Es besagt, dass ab einer bestimmten Größe oder Intensität von Ereignissen die Dinge eine Eigendynamik bekommen, die sich kaum noch aufhalten lässt. Diese Regel ist allgemein gültig; sie gilt für Herrscher und Beherrschte gleichermaßen.

Das ist auch der Grund, wieso (despotische) Herrscher so wild entschlossen sind, alle, selbst nur potentielle Regimegegner auszuschalten, und zwar oft schon dann, wenn jemand nur »laut denkt«. Umgekehrt ist eine Revolution kaum noch aufzuhalten, wenn erst einmal ein ausreichender Teil der Bevölkerung sich ihr angeschlossen hat.

Immer öfter erlebe ich, dass etwas nicht mehr gesagt, ja nicht mal mehr gedacht werden darf: Die Reaktionen können sonst hysterisch, ja gewalttätig werden. Vor einigen Jahren sah ich die öffentliche Kinovorschau eines Interviews mit einem transsexuellen Mann, der im Film sehr ehrlich über sich und seine Ängste und Wünsche erzählte.

Der Regisseur war anwesend, um nach dem Film zu Fragen Stellung nehmen. Eine Gruppe von drei jungen Männern warf ihm vor, er hätte sich über die Bedürfnisse und Wünsche des Protagonisten hinweggesetzt, ihn vorgeführt. Er entgegnete, alles, was im Film zu sehen sei, sei von dem Portraitierten ausdrücklich »abgesegnet« worden.

Das wollten die drei jedoch nicht hören; für sie stand fest, dass hier jemand aus der Trans-Community verunglimpft und vorgeführt wurde. Sie begannen den Regisseur zu beschimpfen und verließen schließlich unter ausfallenden Worten an alle Anwesenden den Raum, als sich allgemeiner Unmut breitzumachen begann.

Vorhin las ich eine Meldung des Guardian über einen Vorfall beim Guggenheim Museum, der mich an diese kleine Episode erinnert. Tierrechtsgruppen hatten protestiert, weil in einer Schau chinesischer Gegenwartskunst drei Kunstwerke gezeigt wurden, die nach Ansicht der Tierrechtler nicht tragbar seien.

Dazu gab es (anonyme) Drohungen, man werde notfalls mit Gewalt eingreifen, falls die Werke nicht unverzüglich entfernt würden. Das Museum entschied sich, dem nachzugeben, »um die Sicherheit der Besucher nicht zu gefährden«. Zudem gab es auch hier eine Online-Petition mit über 550.000 Unterschriften. In meinem vorherigen Beitrag habe ich mich bereits über meine ambivalenten Gefühle zu politischen Aktionsgruppen geäußert.

Ich habe die Kunstwerke nicht gesehen, nur die Beschreibung davon gelesen. Das ließ mich ratlos zurück: Was darf Kunst? Und was, wenn jetzt alle mitentscheiden wollen, was gezeigt werden darf und was nicht? Zudem habe ich seit etlichen Jahren den Eindruck, es gäbe eine zunehmende Tendenz zur »Selbstjustiz«. Damit meine ich: Wenn mir irgendwas nicht passt, dann habe ich das Recht, meine Aversion dagegen direkt und unmittelbar auszuagieren. Also: Wenn mir eine Person nicht passt, darf ich sie anrempeln oder respektlos behandeln. Wenn mir etwas, das ich sehe nicht passt, darf ich es zerstören. Ich könnte auch sagen, die Toleranzschwelle sei gesunken. Wahrscheinlich ist es Beides.

Noch sind solche Ereignisse Einzelfälle, doch ich sehe leider im Alltag, dass sie mehr werden. Es sind meist kleine Dinge, die sich wie nebenbei ereignen. Doch wenn wir diesen Anfängen nicht Einhalt gebieten, brauchen wir bald keine staatliche Zensur mehr: Das besorgen radikale BürgerInnen schon selbst. Auch das ist eine Methode, eine Demokratie samt ihrer Meinungs- und Kunstfreiheit von innen heraus schleichend abzuschaffen und die Gesellschaft weiter zu polarisieren und zu zersplittern.

 

Nachtrag 2.10.17: Eben las ich einen Kommentar zu diesen Ereignissen, auch wieder beim Guardian: »Es ist die Aufgabe von Kunst, zu provozieren und Debatten in Gang zu bringen.« So sehe ich das auch.

Nachtrag 4.10.17: Marty Klein, ein bekannter amerikanischer Sexualtherapeut, schrieb in seinem Blog kürzlich über genau dieses Thema – dass inzwischen auch »freiheitliche« und »progressive« Stimmen nicht mehr diskutieren, sondern ausfallend werden und drohen, wenn ihnen ein Thema bzw. eine Sichtweise nicht passt. Er zählt in seinem kleinen Artikel mehrere Themenbereiche als Beispiele dafür auf, worüber nicht (mehr) berichtet und diskutiert werden darf, ohne sich persönlicher Gefahr auszusetzen. Das ist nichts anderes als eine Form der Zensur. »Diese Herangehensweise dient nicht der Wahrheitsfindung, sondern bringt Leute durch Drohungen zum Schweigen. Das finde ich schlimm, und es ist dabei letztlich völlig egal, aus welcher Ecke die Drohungen kommen.«

Nachtrag 3.12.17: Noch mal Marty Klein zum Thema. Er beschreibt in einem seiner aktuellen Blogartikel, wie es zunehmend nicht mehr um eine Auseinandersetzung um Standpunkte geht, sondern um moralische Wertungen der gesamten Person. Es geht immer weniger um Details und Abstufungen, die jedoch wichtig sind, sondern mehr um ein ausgeprägtes »Wir« und »Sie«-Denken, bei dem sich eine Tendenz zu »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!« bereitzumachen beginnt.

2 Kommentare zu »»Wehret den Anfängen!««

  1. Ein gemeinsamer Freund war vor vielen Jahren gegen die Antidiskriminierungsgesetze in den Niederlanden. Er meinte, dass es nichts ändert, wenn man eine Meinung anders kleidet, nur dass sie wenig greifbar ist.
    Klaus Steak hatte in seinem Buch „Pornographie“ Photos von Opfern, um den Wandel vom Subjekt zum Objekt darzustellen. Das Verdrängte tritt durch den Wandel der Kultur der Auseinandersetzung selbstgerecht in den Vordergrund.
    Da Selbstdarstellung vordergründig als Mittel der Auseinandersetzung eingesetzt wird, der Gegner vom Subjekt zum Objekt wird, tritt das Strittige in den Hintergrund. Schoppenhauer hat die schwarze Rhetorik zusammengefasst, häufig wird ganz auf Rhetorik verzichtet.

  2. Lieber Kim,

    danke für Deinen Kommentar. Ja, stimmt wohl, was Du sagst bzw. zitierst. Mir wäre es allerdings lieber, das persönlicher (will hießen, auch subjektiver, wenn Du so willst) zu lesen. Eine gute Balance zwischen Zitiertem und Eigenem finde ich wichtig.

    Herzliche Grüße

    Claus

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