Freitag, 18. September 2026

»Identität«

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»Identität«

Heute ist »Identität« in aller Munde. Identität hier, Identität da. »Du hast das [verdammte] Recht, alles zu sein, was du sein willst!«, brüllt es uns von überall her explizit und implizit entgegen. Und dann noch: »Alle müssen es akzeptieren, sonst kannst du das einklagen!«

Damit sind wir bei einem Zustand, den ich als »Tanz um das goldene Kalb der Identität« bezeichne. Du kannst heute »etwas sein«, ja, du musst es sogar, sonst wird man dich nicht mal wahrnehmen, auch wenn die allermeisten sich für etwas entscheiden, das ich mit »Standardcharakter« umschreiben würde.

Neu ist dabei nicht, jemand sein zu wollen, sondern die Aggressivität, mit der das (vor)gelebt wird. Stichwort: »[Ein] Recht [darauf] haben.« Mir scheint gar, dass je weniger der Einzelne eine Mitte (bzw. Kontakt zu ihr) hat, desto fanatischer besteht er darauf, dies oder das, eben »jemand« zu sein. Dieser Zustand erscheint mir als völlige spirituelle Dekadenz.

»Ich definiere, wer oder was ich bin!« Ja, tun wir Alle, doch ohne eine Verbindung zu unserer Mitte, zum »bei sich sein Können« wird das absolut. Und damit wird jeder »Nicht-Respekt« vor der »Identität« automatisch zu einem Angriff gegen meine Person, gegen meine »Essenz« (d.h. meine »Identität«, die ich als Kern meines Seins verstehe).

Dass diese Haltung wenig Raum für Humor zulässt, ist naheliegend. Denn aus meiner Sicht bedeutet Humor, so wie ich ihn verstehe, auch eine Distanz zu sich selbst (und damit eben auch zur »Identität«) – also, auch mal über sich selbst schmunzeln oder gar lachen zu können.

Und diese fanatische Identifizierung mit der Identität bringt auch dieses Gefühl mit sich, die Regeln des Lebens nun selbst in der Hand zu haben – also de facto, sein eigener Gott zu sein. Damit hat man für Alles und gleichzeitig für Nichts die Verantwortung – ganz wie’s gerade ins Selbstbild passt. Oder in die selbst gewählte »Identität«.

Zufällig geht das Hand in Hand mit dieser neumodischen Haltung, dass Alles, was du »erreicht« hast dein Verdienst, deine Leistung ist – und dass alles, was du nicht willst oder wolltest irgendwelche bösen Menschen oder Mächte zu verantworten haben. Heute sind das passenderweise vor Allem »die Russen«.

Wie praktisch, dass heute, in der Welt ohne Maßstäbe, einfach alles »divers« ist. Ja, man kann es so sehen. Dies ist die Sicht des grenzenlosen Optimismus. Was hier aber regelmäßig ausgeblendet wird ist, dass in diesem Spektrum eben auch das vorkommt, vorkommen muss, was ich als die »dunklen« Seiten (C.G. Jung nannte es »den Schatten«) bezeichnen würde …

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