Mittwoch, 11. November 2020

Ein Blick in die Zukunft 2

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Ein Blick in die Zukunft 2

Ich hatte ja schon mal eine böse kleine Glosse über die mögliche Zukunft geschrieben. Gestern drängte sich mir eine neue Vision auf. Beten wir darum, dass dies einfach nur eine kleine, böse Glosse bleibt.

Aaaaaah! Tut das gut! Seit gestern bin ich endlich aus der Stadt raus, etwa sechzig Kilometer weit weg. Ich hatte mit Freunden telefoniert, um das möglich zu machen. Ihr Haus ist etwa einen Kilometer entfernt, und ich genieße hier gerade am Waldrand die wunderbare Frühlingsluft. Die Natur ist erwacht; überall ist feines, frisches Grün zu sehen. Ich schlendere weiter und sehe die ersten zarten, kleinen Frühlingsblumen im Gras am Wegesrand. Ist die Welt doch schön! Der unglaubliche Stress, der mich in der Stadt in seinen Klauen hielt, ist fast komplett weg, und ich fühle mich wieder mit der Welt versöhnt.

Seit gestern Abend bin ich hier. Ich hatte ein paar Sachen eingepackt und mich aufs Rad gesetzt. An eine Reisegenehmigung war nämlich nicht zu denken. Und dann habe ich sogar noch eine alte Fahrradkarte in meinem Bücherregal gefunden, was mir sehr geholfen hat. Denn seit ein paar Tagen sind in der Karten-App auf meinem Telefon nur noch die Hauptstraßen zu sehen. All die kleinen Wege und Sträßchen übers Land sind weg.

Mit der alten Karte konnte ich meinen Weg über Feldwege und kleine Nebenstraßen finden. Ich fuhr fast gar nicht auf den Hauptstraßen, denn die Polizei hat vor vierzehn Tagen angefangen, sogenannte »fliegende Kontrollstellen« einzurichten. Das sind ad hoc eingerichtete Straßensperren, meist von Zivilstreifen, an denen für 10 bis 15 Minuten kontrolliert wird, dann packen sie ein und fahren ein paar Kilometer weiter. Auch an die öffentlichen Verkehrsmittel war nicht zu denken. Ohne Reiseerlaubnis konnte man da gleich zur Polizei gehen und eine Geldstrafe beantragen.

Nun, ich bin gut angekommen. Einmal sah ich aus einiger Entfernung eine Kontrollstelle, bin dann ins Gebüsch und habe gewartet, bis sie weg waren. Und jetzt bin ich hier.  Die Vögel jubilieren. Leben überall. Ich gehe weiter und beuge mich vor, um ein kleines Tier zu beobachten, dessen Bewegung  meine Aufmerksamkeit und Neugierde geweckt hat. Ein leises Rascheln hinter meinem Rücken lässt mich abrupt hochfahren.

»Hände hoch!« Ich erschrecke zu Tode und reiße die Arme nach oben, noch bevor mein Verstand begreift.

»Drehen Sie sich um. Aber langsam!« Ich drehe mich langsam um, in Richtung der barschen Männerstimme hinter mir.

»Hände oben lassen!«, höre ich, bevor im Augenwinkel eine schwarz gekleidete Gestalt auftaucht. »Polizei« steht quer über der Brust, auch auf der schwarzen Maske vor seinem Gesicht. Ich bin jetzt so weit zu ihm gewandt, dass ich in seine jungen, nicht mal unsympathischen Augen sehen kann.

»Sie haben großes Glück, dass ich mit einem Kollegen den Dienst getauscht habe. Der wäre nämlich sonst heute hier gewesen. Und der sieht die Dinge wesentlich enger als ich. Hat gestern eine WhatsApp geschickt, wie gut das Timing mit dem Leichenwagen geklappt hätte, als er mit dem Jungen im Heizungskeller des Einkaufszentrums fertig war.«

Erst jetzt wird mir bewusst, dass der Polizist lässig seine Maschinenpistole auf mich gerichtet hält, die an einem breiten Riemen über seiner rechten Schulter baumelt.

»Okay, Ihren Ausweis bitte. Und bitte keine hektischen Bewegungen.« Er machte eine kleine Kopfbewegung in Richtung seiner MP. Ich greife langsam in meine Hosentasche und krame mein Portemonnaie hervor. Erst jetzt wird mir bewusst, dass mir der kalte Schweiß ausgebrochen ist.

»Bleiben Sie auf Abstand und reichen Sie mir den Ausweis mit dem ausgestrecktem Arm herüber!« Ich tue, wie mir befohlen wurde. Er greift nun nach etwas, das über seiner linken Schulter hängt – es sieht sehr ähnlich aus wie die Geräte, die die Bahnschaffner zur Kontrolle der Fahrkarten bei sich haben. Er steckt meinen Ausweis in einen Schlitz, dann hält er das Gerät in meine Richtung hoch.

»Schauen Sie mich an!«, meint er ein wenig ungehalten, weil ich gerade verlegen zu Boden geblickt hatte. Ich gehorche. Es dauert zwei, drei Sekunden, dann piept es. Er nimmt das Gerät herunter und schaut aufs Display.

»Sieh an! Sie haben keine Reisegenehmigung!«, faucht er. »Sie wissen, dass das tausend Euro Strafe kostet?«

»Jjjjj-a!«, bekomme ich heraus.

»Was Ihren Verstoß gegen die Maskenpflicht angeht, so habe ich das nicht gesehen. Sie wissen ja: Seit vier Wochen können Verstöße gegen die Maskenpflicht mit sofortiger standrechtlicher Erschießung geahndet werden, wenn dabei keine Unbeteiligten in Gefahr gebracht werden!«

»Ja, ja …«, stottere ich, und der Angstschweiß läuft mir nun von der Stirn ins linke Auge. Er tippt aufs Display, und das Gerätchen surrt und spuckt einen Zettel aus.

»Hier – das ist Ihr Passierschein für die Rückfahrt. Der gilt auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Normalerweise reicht dort der Ausweis, doch die Zusammenarbeit der Systeme funktioniert noch nicht zuverlässig. Denken Sie daran, bis heute Abend um Mitternacht diesen QR-Code mit Ihrer Corona-App einzuscannen. Ihr Gerät muss sich dafür in Ihrer heimischen Funkzelle befinden. Denken Sie daran, sonst zahlen Sie die doppelte Strafe. Und seien Sie morgen Vormittag zwischen neun und zehn Uhr zu Hause. Dann kommt die persönliche Kontrolle. Falls man Sie nicht antreffen sollte, ziehen wir Sie für acht Wochen aus dem Verkehr.«

Ich nicke beklommen und beflissen zugleich. »Steht aber alles noch mal auf dem Beleg«, meint er fast versöhnlich und reicht mir den Zettel zusammen mit meinem Ausweis mit lang ausgestrecktem Arm.

»Ach ja – haben Sie eine Maske zur Hand? Bitte sofort anziehen!«

»N-n-nein …« stottere ich und wäre am liebsten im Boden versunken.

»Na, halb so wild«, meint er jovial und nun wirklich versöhnlich und zieht aus seiner Gürteltasche eine Packung Einwegmasken hervor. Er fummelt eine heraus und reicht sie mir am langen Arm. Ich muss mich sehr konzentrieren, um sie mit meinen zitternden Händen anzuziehen.

»Okay, dann wünsche ich Ihnen noch eine gute Rückreise. Und bleiben Sie gesund!«

»D-danke!«, bringe ich heraus. Vor lauter Aufregung habe ich gar nicht mitbekommen, wie hinter ihm ein Polizeiwagen herangerollt war. Der musste sogar gewendet haben, denn er steht in Richtung der kleinen Ortschaft, aus der ich losgelaufen bin. Kurz bevor er die Wagentür öffnet, dreht er sich noch mal zu mir um.

»Sollten Sie noch mal daran denken, so was zu machen, so muss ich Sie warnen: Noch machen wir hier Streifenfahrten. Ist schließlich Grenzgebiet. Ab dem Sommer werden das hier KI-gesteuerte, bewaffnete Drohnen überwachen. Na ja, vielleicht haben Sie schon davon gelesen oder gehört.«

Damit steigt er ein. Eine Autotür klappt, dann springt der Motor an. Der Wagen steht noch ein paar Sekunden, dann kann ich gedämpft zwei Männer brüllend lachen hören. Der aufheulende Motor übertönt es gleich darauf, und mit leicht durchdrehenden Reifen prescht der Wagen in Richtung Dorf. Hier und dort spritzt es aus Pfützen auf, die der letzte Regen zurückgelassen hat. Der Wagen entschwindet meinen Blicken, und kurz darauf ist auch das Motorgeräusch verklungen.

Jetzt geben meine Knie doch nach, und ich sacke herunter ins Gras. Kippe dann auf die Seite. Eine Mischung aus Verzweiflung, rasender Wut, Erleichterung und tiefer Scham kocht in mir hoch.  Mit einer raschen Handbewegung reiße ich mir die Maske vom Gesicht, und ein von ganz tief innen kommender Schrei zerreißt die ruhige Frühlingsstimmung. Und noch einer, und noch einer. Dann beginne ich hemmungslos zu weinen.

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