Samstag, 20. Juni 2020

Wir erschaffen den perfekten Sturm

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Wir erschaffen den perfekten Sturm

»Der perfekte Sturm« – diese Wendung bezeichnet eine Situation, die wir auch »die perfekte Katastrophe« nennen könnten. Eine Katastrophe, in der alles an Zerstörung zusammenkommt, was auch nur irgend möglich ist. Am Ende blieben nur ein paar Reste, die kaum zum Anregen der Erinnerung reichen werden an das, was vorher einmal da war: Tabula rasa, und das richtig. Nein, sogar perfekt. Komplett verbrannte Erde, im übertragenen wie im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir wissen inzwischen, wie das geht. Wir sind Götter, für die Prometheus die Macht über so ziemlich alles dem Leben entrissen hat. Wir gestalten jetzt alles nach unserem Gutdünken, und das ist etwas völlig Anderes als das, was hier in Milliarden Jahren gewachsen ist. Damit haben wir nichts mehr zu tun. Da stehen wir drüber. Es ist nunmehr Modelliermasse für unsere göttliche Kreativität. Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Jetzt. Heute.

Was sich die vergangenen Jahrzehnte eher dahinschleppte, geht jetzt im Turbo-Gang voran: Schon sehr bald werden wir auch uns selbst nicht mehr wiedererkennen. Nein, stimmt nicht: So sind wir doch schon immer gewesen. Und da wir Vergangenes niemals als Vergleich heranziehen, da nur das Jetzt zählt, das so ist weil es eben so ist, ist immer alles in Ordnung. Und wird es bleiben, denn alles bleibt selbstredend immer selbstreferentiell.

Ich war gerade auf dem Wochenmarkt, in der Hoffnung, vielleicht dort noch ein Bisschen Obst zu bekommen, das statt nur gut auszusehen auch noch ein wenig nach was schmeckt. Doch selbst dort ist das inzwischen die Ausnahme geworden. Quantität, Effizienz, Aussehen. Qualität? Was soll denn das sein? In einer Zeit, in der synthetische Geschmacksstoffe als »echter« wahrgenommen werden als natürliche, ist es kein Wunder: Es interessiert kaum noch jemanden, dass der überwältigende Teil des Obstes nach fast nichts mehr schmeckt. Also wird nach Aussehen gekauft, was die Spirale wiederum eine Windung weiterdreht. Vielleicht gibt es bald so was wie Obst aus der Retorte, wirklich aus der chemischen Fabrik. Es wird niemandem wirklich auffallen, und wahrscheinlich schmeckt es … perfekt.

Werden meine Mitmenschen es doch noch erkennen, dass es wirklich ernst ist? Eigentlich ist es das schon seit einem Vierteljahr, doch anders als es die überwältigende Mehrheit glaubt: So Leute wie ich sind die Spinner, die Durchgeknallten, die Alarmisten, die Verschwörungsideologen, die nicht einsehen wollen, dass alles genau so seine Richtigkeit hat – verbohrt, wie wir sind. Die Welt wie wir sie bislang kannten geht halt gerade unter. War da jemals was? Eben. So what? Komme mir nicht damit, wie es war. Es ist jetzt so, weil es so ist. No Problem.

Niemand will etwas anderes sein als überlegen, souverän, besonders. Niemand will irgendwas spüren, was er oder sie nicht will, nicht unter Kontrolle hat – vor Allem keine Angst, keine Verunsicherung oder Verwirrung. Geht gar nicht. Würde ja heißen, dass du nicht über den Dingen stehst, ja, dass du uncool bist. Eine Todsünde heutzutage. Selbst verschuldeter Rufmord gewissermaßen. Und genau darum können die Mächtigen auch fast ungestört ihr Ding durchziehen. Früher hätten sich die meisten Menschen in ihrer Verstörung zusammengetan, mehr oder weniger. Hätten womöglich erst miteinander geredet und wären dann zusammen auf die Straßen gegangen, so wie das bis Anfang der Neunziger Jahre noch geschah.

Doch heute ist »Zusammen« aus mehreren Gründen passé. Eine Art von »Zusammen« findet, wenn überhaupt, nur noch online statt. IRL (»In Real Life«) ist Distanzierung angesagt, jetzt ganz besonders. IRL lauert überall Gefahr! Deshalb Helme, Masken, Abstand und »Social Distancing«. Und dort so wenig persönlicher Austausch untereinender wie möglich. Dafür sind sich online die weitaus Meisten einig. Und so wenig Reisen wie möglich, und wenn, dann genau kontrolliert: Wer trifft wen wo wie lange? Wann wird es womöglich Pflicht, die geführten Gespräche als Audio-Livestream mitlaufen zu lassen, direkt zur Auswertung an entsprechende Stellen übermittelt? Natürlich alles nur zu unserer eigenen Sicherheit. Und für diese dann kommenden zusätzlichen Datenmengen wäre 5G unabdingbar.

Persönliche Gespräche ohne diese (natürlich freiwillige!) Kontrolle dürften dann zumindest indirekt strafbar sein: Hast du etwa was zu verbergen? Nein? Also dann – wo ist das Problem, dass wir mithören? Ist doch nur zur Sicherheit Aller. Oder planst du etwa Verschwörung oder Verrat – einen Angriff auf die Sicherheit und Gesundheit der Volksgemeinschaft? Also: Wenn du nichts zu verbergen hast, machst du doch mit, nicht wahr? Freiwillig. Ansonsten gehörst du zur »anderen Seite«. Ich bin mir sicher, wenn man es entsprechend »verkauft« und mit der Abwehr von »gefährlichen terroristischen/verschwörerischen Aktivitäten, die sich gegen das Gemeinwohl richten« begründet, werden die weitaus meisten mitmachen. Stolz, ultracool, mit Pokerfaces und ihrem Gedudel oder Gebabbel in den Ohren. Aber die Pokerfaces werden nur zu erahnen sein. Maske, Sonnenbrille und Kopf/Ohrhörer werden das Einzige sein, was wir voneinander zu sehen bekommen. Es fängt jetzt schon an.

Menschen, die lebende Panzer sind. Wissend, überlegen, unangreifbar. Stars auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Was hat das alles mit dem »perfekten Sturm« zu tun, den ich eingangs erwähnte? Viel. Denn unsere einzige, winzige Chance, unser Schicksal noch abzuwenden wäre, uns wieder auf die Essenz unseres Menschseins zu besinnen und erst innezuhalten und dann umzukehren auf dem Weg, den wir eingeschlagen haben. Es sieht aber alles danach aus, dass man die »Störer«, die »Gefährder« beseitigen wird – Leute wie mich zum Beispiel. Damit die Allgemeinheit entschlossen und unbeirrt weitergehen kann, zu ihrem kollektiven Ziel. Die solidarische Volksgemeinschaft wird ihre »Feinde« selbst beseitigen, mit tatkräftiger Unterstützung der Staatsorgane.

Was wären denn die Teile des »perfekten Sturms«? Der Hauptteil davon ist die Richtung unsere kollektiven Bewusstseins. Aus ihm heraus erwächst alles, was wir an dramatischen Entwicklungen der letzten gut zweihundert Jahre sehen. So gut wie alle heutigen Probleme sind Symptome davon: Die Zerstörung der Welt, der Biosphäre, und der schleichende, aber immer dramatischere Zerfall unserer (Mit-)Menschlichkeit. Der religiöse Eifer, ja Fanatismus, mit dem wir inzwischen unser aller Vernichtung (den weitaus größten Teil unserer irdischen nichtmenschlichen Mitbewohner eingeschlossen) unter der Ägide von Optimierung und Kontrolle vorantreiben. Die Regeln und Bedürfnisse des Lebens, inklusive unserer eigenen elementaren Bedürfnisse als lebende Wesen hier auf der Erde, spielen inzwischen keine Rolle mehr: Wir wissen es besser! Und wir handeln danach. Und genau dieses entschlossene Handeln in diesem Sinne kreiert den perfekten Sturm.

Wir werden alles, aber auch wirklich alles kaputtmachen. Ein paar Reste werden bleiben. Aus denen wird sich irgendwann wieder höheres Leben entwickeln. Ich wünsche ihm, weiser zu sein als wir es waren.

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