Donnerstag, 17. März 2011

Raverkatastrophe ohne Raver

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Raverkatastrophe ohne Raver

Der Paradigmenwechsel ist vollzogen – der Umgang der Medien mit der Katastrophe von Duisburg belegt es. In den sechziger, ja auch noch in den siebziger Jahren hätte man bei solchen Ereignissen zunächst ganz selbstverständlich die »zügellosen Jugendlichen« beschuldigt, sich über Erziehungsmängel ereifert. Kaum ein Wort wäre über Organisationsmängel verloren worden – darum wäre es wahrscheinlich erst viel später gegangen, zum Beispiel beim nachfolgenden Gerichtsverfahren, bei dem einer oder mehrere der »Rowdys« ausgesagt hätten.

Heute haben wir die genau umgekehrte Situation: Man sucht ausschließlich nach den Verantwortlichkeiten der Politik, bei Polizei und Organisatoren. Dass auch das Verhalten der Teilnehmer eine wichtige Rolle gespielt haben könnte, wird eher mal verschämt am Rande oder zwischen den Zeilen erwähnt. Jegliche auch nur ansatzweise Kritik in dieser Richtung wird sofort als »zynisch« und »die Opfer verhöhnend« gegeißelt. Dass die Opfer so unschuldig nicht gewesen sein können, wird mir schon beim Betrachten der Polizeihubschrauberfotos und dem Anschauen eines Amateurvideos auf »Spiegel Online« klar. Auch wird dort immerhin erwähnt, dass laut Angaben der Polizei die meisten der Umgekommenen sich offenbar mit den Füßen in einem Drahtgitterzaun verheddert hatten, der vorher von Besuchern umgerissen worden war, um auf das Partygelände zu gelangen. Als sie fielen, seien sie von den Nachdrängenden totgetrampelt worden. So unzeitgemäß es scheinen mag – meiner Meinung nach gehört das genauso auf den Tisch wie Organisationsmängel oder Fehlentscheidungen der Polizei. Warum aber wird das bislang vermieden?

Wie leicht Gedränge in etwas Lebensbedrohliches umschlagen kann, erlebte ich vor einigen Jahren in einer Menschenmenge bei einer Großveranstaltung an der Siegessäule in Berlin. Es war sehr eng, doch die Menschen bewegten sich voran. Auch ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht das Gefühl einer Bedrohung. Ich muss noch erwähnen, dass ich für einen Mann in unseren Breiten von absolut durchschnittlicher Größe und Statur bin. Für kleinere Menschen stellte sich die Lage womöglich noch einmal etwas anders dar. Nach einigen Minuten hatte ich mich zum Rand des Geschehens bewegt, denn ich wollte den Platz in Richtung Schloss Bellevue verlassen. Dort verläuft aber nun eine Mauer, die zum Tiergarten hin eine Begrenzung darstellt. Weiter hinten sah ich noch einige Absperrgitter. Auf einmal wurde es sehr eng, ich kam beim besten Willen nicht weiter. Eingekeilt stand ich mit den anderen, vielleicht sechs Meter von der Mauer entfernt. Da fielen mir einige Jugendliche auf, ich konnte sechs bis acht ausmachen, die in etwa sieben oder acht Metern Entfernung als Gruppe gezielt Menschen vor sich her schoben, in Richtung auf die größte Enge, den »Stau« im Bereich der Mauer. Sie nahmen regelrecht Anlauf und schubsten die Leute vor sich her. Die von ihnen erzeugten »Wellen« kamen mit Verzögerung bei mir an, und mehrmals wurde ich kurz hintereinander von und mit den Menschen um mich wie durch eine Riesenfaust hin und her geworfen. Ich hatte Mühe, mich auf den Beinen zu halten, bekam Angst. Immerhin hörte die Gruppe dann mit dem Geschubse auf. Vielleicht sagte ihnen auch jemand, welch gefährliches Spiel sie da trieben, ich weiß es nicht mehr, und die Wellen kamen zum Stillstand. Erschreckt und erleichtert zugleich konnte ich dann langsam in Richtung der Straße gelangen, und schon nach ein paar weiteren Metern war ich aus dem Gedränge heraus. Schon damals war mir intuitiv klar, in welche gefährliche Situation ich da für kurze Zeit geraten war. Es ist mir noch klarer, seit ich gelesen habe, in welchen Stadien Massenpaniken eskalieren.

Hier noch zwei kleine Geschichten aus dem Alltag, die auf den ersten Blick nichts mit alldem zu tun zu haben scheinen: Ein kleines Mädchen, vielleicht sechs, tobt auf der Straße herum und stößt dabei ein am Rand des Bürgersteiges abgestelltes Fahrrad um. Es erschrickt und fängt an zu weinen. Die Mutter kommt hinzu, nimmt ihre Tochter in den Arm, die aufhört zu weinen. Dann stellt die Mutter das Rad wieder an seinen Platz, immerhin, und sagt zu ihrer Tochter: »Das Rad stand aber auch blöd da!«, nimmt sie an die Hand und geht.

Ein ähnlicher Vorfall in einer fast leeren Straßenbahn, nur dass hier nicht ein Rad umfiel, sondern die Sohle eines Kinderschuhs dem Knie eines älteren Mannes zu nahe kam. Das Mädchen ist hier etwas älter, vielleicht zehn. Der Herr ermahnt das Kind freundlich, doch bitte aufzupassen. Daraufhin wirft sich die Kleine pampig auf die Sitzbank ihm gegenüber und nölt »Ich kann nicht rückwärts fahren!«, woraufhin der Mann, immer noch freundlich, meint, dann müsse sie sich eben einen anderen Sitzplatz suchen. Zur Erinnerung: Die Bahn ist fast leer. Sie dreht sich daraufhin um und schweigt. Nach einer kurzen Pause wendet sich ihre Mutter an sie, eine gut aussehende und schick gekleidete Mittdreißigerin zwei Sitzbänke weiter, und fragt in verschwörerischem Ton: »Alles in Ordnung bei dir?« Den Mann würdigt sie weder eines Blickes, noch sagt sie etwas zu ihm. Eine Station später steigen die beiden aus.

Wäre ich als Kind in einer dieser Situationen gewesen – was hätte ich zu hören bekommen? Vermutlich etwas sehr anderes als die Kinder in den beiden Anekdoten. Ohne der »schwarzen Pädagogik« das Wort reden zu wollen – ich wäre zumindest ermahnt worden, das nächste Mal besser aufzupassen. Will heißen, es wäre an meine (Selbst-)Verantwortung appelliert worden. Das war damals, vor, sagen wir, vierzig Jahren, noch eine erstrebenswerte Charaktereigenschaft. Heute haben wir für alles Verantwortliche, Versicherungen und Gerichte.

Natürlich macht eine Schwalbe noch keinen Sommer und zwei kleine Anekdoten sind noch kein Beleg für einen generellen Paradigmenwechsel. Auch will ich damit keinesfalls den Schluss nahe legen, die Menschen seien früher »besser« gewesen. Wir haben in meinen Augen allerdings Grenzen und Balancen verschoben, zwar langsam und über Jahrzehnte, doch gründlich. Der Rausch der technischen Möglichkeiten, der uns nach und nach und vor allem in den vergangenen zwanzig Jahren immer stärker ermächtigt hat, spielt meines Erachtens eine sehr wichtige Rolle dabei. Er ist so etwas wie ein Katalysator für eine Entwicklung, die schon viel früher einsetzte. Diese kleinen Geschichten stehen für mich einfach stellvertretend für viele kleine Beobachtungen jeden Tag, die in die gleiche Richtung weisen. Nur für sich alleine gesehen wären sie allerdings auch für mich ohne Symbolkraft.

Vor kurzem war ich in Marokko. So, wie ich das Land empfand, sind sie dort weit entfernt von den Sicherheitsstandards, die für uns selbstverständlich geworden sind, auf jeder Ebene. Und doch hatte ich den Eindruck, es passiert dort nicht mehr als hier, sondern eher weniger. Woher das kommt? Ich denke, zum einen sind die Menschen dort eher gezwungen, mit gesundem Menschenverstand an die Dinge heranzugehen, noch wichtiger scheint mir allerdings, dass man noch mehr als bei uns bereit ist, Grenzen zu akzeptieren – wenn auch wohl eher gezwungenermaßen. Und natürlich spielt auch die Mentalität eine Rolle – das Coole, Harte, Schnelle und Konkurrenzbetonte der Globalisierung beginnt sich dort erst allmählich auszubreiten.

Ich habe keine Ahnung, wo uns diese Entwicklung hinführen wird. So wie ich die Dinge sehe, wohl kaum zu mehr Verantwortlichkeit des Einzelnen. Bin mal gespannt, ob und wann die Raver doch noch als Akteure bei dieser tragisch verlaufenen Veranstaltung auftauchen werden.

Nachtrag 5.4.16: Gerade habe ich gelesen, dass die Eröffnung der Hauptverhandlung gegen Mitarbeiter der Stadt Duisburg und des Veranstalters der »Loveparade Duisburg« wegen fahrlässiger Tötung vom Landgericht Duisburg abgelehnt worden ist. Eine Verurteilung der Beschuldigten sei nach Aktenlage unwahrscheinlich. Die Anwälte der Opfer sowie die Staatsanwaltschaft wollen nun prüfen, ob sie gegen den soganannten Nichteröffnungsbeschluss Beschwerde einlegen können.

Wer denkt, hier solle etwas »abgebügelt« werden, sollte sich mal vergegenwärtigen, dass die Mühlen der Justiz bereits unermüdlich gemahlen haben. Denn laut dem oben verlinkten Bericht soll dem Beschluss der Nichtzulassung ein aufwendiges »Zwischenverfahren« vorausgegangen sein: Die Hauptakte des Prozesses besteht angeblich bereits aus 46.700 Seiten, die 99 Aktenordner füllen. Zu diesen kommen noch einmal über 800 Ordner mit ergänzendem Aktenmaterial hinzu.

Vielleicht spiegelt sich in diesem immensen Aufwand und dem nun daraus folgenden Nichteröffnungsbeschluss indirekt wider, dass bislang in der ganzen Diskussion bestimmte Beteiligte gar nicht als Mitschuldige vorkamen – die Raver selbst. Oder auch die simple Tatsache, dass es völlige Sicherheit nicht gibt und immer eine Teilverantwortung bei jedem Einzelnen bleibt.

Ich kann das Entsetzen der Eltern der Opfer über den Nichteröffnungsbeschluss verstehen, und vielleicht wäre es, sagen wir, psychologisch klüger, wenn eine Verhandlung stattfände und es würde dabei zu einem Freispruch der Beschuldigten kommen. So würde zumindest gezeigt, dass »etwas passiert«, dass eine juristische Aufarbeitung vorangetrieben wird. Die Entscheidung des Gerichts mag vielleicht juristisch korrekt sein, menschlich und psychologisch gesehen finde ich sie jedoch ungeschickt.

Nachtrag 28.8.17: Auch wenn der Paradigmenwechsel, der sich nach wie vor schleichend ereignet, verleugnet und verdrängt wird – an manchen Stellen wird er sichtbar. Seit Längerem ist es üblich geworden, dass viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen und auch wieder abholen. Das daraus resultierende Verkehrschaos zu den entsprechenden Zeiten hat nun mehrere Stadtverwaltungen dazu gebracht, sich Lösungen dafür zu überlegen.

Was mir aber dann doch die Kinnlade herunterfallen ließ war eine zitierte Untersuchung, die fand, dass sechzig Prozent der Kinder, die gefahren werden, einen Schulweg von weniger als 800 Meter gehabt hätten. Das sind auch für Kinder maximal zehn Minuten zu Fuß. Und noch etwas, das mich völlig geplättet zurückließ: In der gleichen Untersuchung wird eine Geschichte aus einer Hamburger Schule zitiert. Dort wollte man den Kindern Hitzefrei geben. Das scheiterte jedoch daran, dass »viele Schüler noch nie alleine nach Hause gegangen seien und den Weg einfach nicht gekannt hätten«.

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2 Kommentare zu »Raverkatastrophe ohne Raver«

  1. …die Frage der Tugenden. Ich, der ich zwar einige Jahre jünger bin, mich aber dennoch zu der m.E. letzten Generation zähle, die noch ohne die allgegewärtige Allverfügbarkeit von Medien und Geschwindigkeit aufwuchs, empfand in DL eine ähnliche permanente Getriebenheit, Härte, Effizienz, Rücksichtslosigkeit, oftmals ohne Raum fürs „Weiche“. In dem – wesentlich langsameren – Land, wo ich jetzt lebe, werden die Werte des Zusammenlebens – zumindest noch einigermaßen – beachtet, was mir sehr zusagt…vielen Dank für die Inspiration, auch die anderen Inspirationen und liebe Grüße aus Uruguay von Ralf

  2. Lieber Ralf,

    danke für Deinen Kommentar zu meinen Gedanken. Es ist schön zu wissen, dass es Weltgegenden gibt, die das »neue Bewusstsein«, wie ich es inzwischen nenne, noch nicht völlig überflutet hat. Als ich vor vielen Jahren (1985) vom Rhein-Main-Gebiet nach (West-)Berlin zog, empfand ich das als einen Kulturschock, in mehrfacher Hinsicht. Das, wovor ich weggezogen bin – nein, nicht die Bundeswehr –, hat mich inzwischen längst hier eingeholt. Es sind ziemlich genau die Dinge, die Du erwähnst. Letztes Jahr als Besucher bzw. Gast in Marokko war ich auch tief berührt von einer Umgebung, in der »die Werte des Zusammenlebens« noch mehr bedeuten als bei uns. Ich will mich hier jetzt nicht auslassen über die Balance zwischen sozialer Kontrolle und individueller Entfaltung, vielleicht an anderer Stelle mal. Nur so viel: Mir wurde klar, dass es auf der Welt so etwas wie »Bei sich sein« immer noch gibt. Es ist nicht nur eine sentimentale Jugenderinnerung, eine Verklärung. Vielleicht machte diese Beobachtung ja sogar einen großen Teil des Kulturschocks aus, den ich zuerst dort spürte – und dann wieder in Berlin, als ich zurück war. Dieses Blog ist auch eine »weiche« Form des Kampfes, denn ich weiß, wegzulaufen ist letztlich sinnlos, und sei es, weil ich das in mir mitnehme, vor dem ich zu fliehen glaube. Wie lange ich das durchhalten werde? Keine Ahnung.

    Ich umarme Dich

    Claus

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