Donnerstag, 3. Dezember 2015

Kontrolle. Kontrolle?

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Kontrolle. Kontrolle?

Ein roter Faden zieht sich durch alles, was ich heute beobachte und auch hier bereits beschrieben habe: Es geht um Kontrolle. Kontrolle (oder besser: Macht über etwas haben) ist das zentrale Thema. Die Realutopie heißt: mehr Kontrolle – über das eigene Leben, über noch mehr (technische) Möglichkeiten – alles perfekte Mittel, sich (als) groß darzustellen. Sich bedeutend, wichtig und unsterblich zu fühlen.

Heute als jemand zu erscheinen, der oder die keine absolute Kontrolle, nicht demonstrativ alles im Griff hat, kommt einer universellen Bankrotterklärung gleich, quasi einem Beweis der Lebensunfähigkeit. Nichts, keine Miene, kein Bild, keine Geste, kein Kleidungsstück darf den Eindruck erwecken, du hättest die Dinge nicht unter Kontrolle, du säßest nicht fest im Sattel des Ritts über deine Existenz, hättest die Zügel straff gespannt in der Hand. Selbst deine Exzesse müssen den Anschein erwecken, du hättest sie geplant. Ansonsten kannst du einpacken. Du hast versagt!

Denn dann hast du gegen den ungeschriebenen Kodex des modernen Menschen verstoßen, der sich darüber definiert, jede Sekunde seiner wachen Zeit »auf Sendung« zu sein – also vor sich selbst und den anderen als Jemand, als Handelnder, als Star, als eigener Souverän dazustehen. So wie in dem mit aggressiver Musik (sinnigerweise zum Beispiel mit »I’ve got the power!«) unterlegten Werbespot eines Vergleichportals für Waren und Dienstleistungen im Internet, in dem die »Checker« doppelt so groß sind wie ihre Mitmenschen und lässig und leicht arrogant auf die »Nicht-Checker« herabschauen – von denen sie aufschauend bewundert werden. Natürlich werden die »Kleinen« alles tun, um es so schnell wie möglich auch zu »checken«.

Welch ein treffendes Bild für den heutigen Menschen und seinen Bewusstseinszustand! Natürlich sind wir (fast) alle »Checker« – oder bemühen uns zumindest redlich, es zu sein. Wer in diesem kollektiven, halbbewussten Allmachtsrausch nicht mithalten kann oder sich ihm gar verweigert, »gehört nicht dazu« und hat nichts zu Lachen.

Doch dieses Lachen – ist es ein freies, lebendiges Lachen? Oder eher eines, das kontrolliert ist? Nun, es ist natürlich. Ist doch völlig klar: Einfach mal so loslachen, das geht gar nicht. Etwas tun, das nicht kontrolliert, nicht optimal auf seinen Effekt nach außen hin abgestimmt ist? Etwas, das gar mein mühsam gepflegtes Image torpedieren könnte? Mein Gott, welche Blamage! Schließlich bin ich doch Individualist! Nie waren wir freier, spontaner und authentischer als heute. Oder?

Wir betrügen uns da gerade selbst, und uns gegenseitig, um etwas. Um etwas Wichtiges. Denn alles, was erscheint, muss auch wieder verschwinden – blöd, ist aber leider so, auch wenn wir alle in eine andere Richtung schauen. Auf uns wartet ewiger Ruhm! Und immer größer zu werden! Und morgen werden wir die Welt retten, mal eben so, mit links. Ich fürchte jedoch, es geht woanders hin, und so banal das klingen mag: Der Tod wird uns früher oder später alles nehmen, was uns uns so groß und wichtig fühlen lässt.

Auf eine Art ist es so, als ob wir auf einem Fahrrad ohne Bremsen sitzen. Unsere Tage und Jahre rauschen an uns vorbei, und manchmal sagt uns eine ganz leise Stimme, es wäre besser, mal anzuhalten, inne zu halten. Doch wir drehen einfach die Musik lauter, und dann ist da etwas, das uns noch entschlossener und verbissener in die Pedale treten lässt. Denn auch ein Fahrrad ohne Bremsen würde irgendwann zum Stehen kommen – vorausgesetzt, wir hörten auf zu treten. Aber nichts liegt uns ferner als das. Und die Welt dreht sich weiter, und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Ich trete nur noch sehr zögerlich in die Pedale, höre immer länger auf, mit gemischten Gefühlen, und ich weiß es und darf mich an die eigene Nase packen: Dieser Text ist suboptimal. Hätte ich vielleicht besser die Klappe gehalten? Oder? Und.

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