Donnerstag, 25. Juni 2015

Fremdschämen

Kommentieren

Fremdschämen

»Nicht in meinem Namen!« Ich will es zumindest gesagt haben. Deshalb hier ein paar polemische Anmerkungen zu den aktuellen Ereignissen.

»Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen!« Das war ein Spruch aus dem »Dritten Reich«, der deutschen Stolz, Besserwisserei und Überlegenheitsgefühle auf den Punkt brachte.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war es dann erst mal vorbei mit der Überlegenheit, dem Endsieg des Deutschen Wesens. Zwar denken Leute nicht von heute auf morgen anders, nur weil das Blutbad und die Verheerungen, das man angerichtet hat, nicht das gewünschte Ergebnis brachte. Aber ein wenig zurückhalten musste man sich doch, offiziell zumindest.

Bis in die siebziger Jahre hinein brodelte es noch im Untergrund, saßen hochdekorierte Ex-Nazis zum Teil sogar auf exponierten Posten. Dann änderte sich das Klima, und das hervorgezischte »Dich hätte man damals …!« bekam ich von da ab nicht mehr zu hören. Finde ich beinahe schade – war es doch erfrischend ehrlich verglichen mit den scheelen Blicken und dem gezielten Nicht-Kommunizieren heute.

Dann kamen die achtziger Jahre. Etwas, das schon in den siebziger Jahren Form angenommen hatte, breitete sich immer weiter aus: Der Neoliberalismus. Was er bedeutete, war mir damals noch nicht wirklich klar. Es gab einfach noch zu viele Bereiche, in denen seine Regeln nicht galten.

Das ist heute ganz anders. Zusammen mit der rasanten technologischen Entwicklung hat sich der Geist der (Selbst-) Optimierung, der Effizienz verbunden mit dem unbedingten Willen zum Sieg, zum Bessersein als andere bis in die letze kleine Ecke unseres Lebens ausgebreitet. Diese Ideale sind zwar nicht von vorne herein identisch mit dem »Deutschen Wesen«, decken sich aber weitgehend mit ihm. Von der Essenz her gibt es da nur geringe Unterschiede.

So könnte man denn im Grunde heute, dürfte man das, beinahe wieder »Heil Hitler!« sagen. Nun ja, der »Führer« ist schon lange mausetot, aber hoch lebe die Ideologie der Macht! Na ja, offen einen Krieg anzuzetteln ist heute nicht mehr zeitgemäß. Das machen wir anders, indirekter, lassen andere für unsere Interessen sterben, schicken andere für unsere Spielchen ins Feuer. Schwächere, die »es verdient haben«. Weil sie nicht so gut sind wir wir.

Gerade aktuell frage ich mich, was mit Griechenland geschieht. Natürlich, ich weiß, dass es da eine Mitschuld gibt. Aber auch, dass es da eine Strategie der Banken und Investoren gab, die ihre knallharten Interessen verfolgten und die sich sicher sein konnten, dass am Ende sie gerettet werden würden und nicht ein Land als solches. Dass die Menschen bluten müssen und nicht ihre Bilanzen. Denn sie wissen, dass inzwischen die Regeln zu ihren Gunsten geschrieben sind und nicht für die Menschen.

Da gab es mal eine Idee, die hieß »Europa«. Entstanden auch aus dem bitteren Wissen, dass der europäische Boden überreichlich mit Menschenblut getränkt ist. Und so, so sehe ich das zumindest, gab es Idealisten, die sagten »Genug! Es ist Zeit für einen dauerhaften Frieden in Europa!« Die europäische Idee also. Und so entstand tatsächlich etwas Neues, aus den Ruinen und über den Gräbern des Zweiten Weltkrieges – zunächst im Westen, später auch im Osten.

Aber wir leben im Zeitalter der Ermächtigung: Wer hat, der hat. Wer stark ist, meint die anderen nicht mehr zu brauchen und ihnen sagen zu können, wo’s lang geht. Und vielleicht ist Deutschland ja auch so stark, weil seine nationale Mentalität und die Neoliberale Ideologie so gut zusammenpassen: Die Welt wurde in den vergangenen Jahrzehnten quasi im Sinne des Deutschen Geistes »umgestellt«.

Wer da nicht reinpasst, hat eben Pech gehabt: Friss oder Stirb. In dem Klischee vom »faulen Griechen« gibt es wohl immerhin einen wahren Kern. Andere Kulturen haben nicht dieses unbedingte Arbeitsethos der Deutschen, bei denen sich der Wert einer Person praktisch einzig und allein über seine Tätigkeit und seine Arbeitsleistung definiert: Alle, auf die wir herunterschauen, sind faul und Schmarotzer, zum Beispiel Hartz IV-Empfänger, Griechen, … Was stand noch mal über dem Eingang zum KZ Auschwitz? »Arbeit macht frei …«

In Deutschland (und zunehmend weltweit) ist man inzwischen zuerst arbeitender »Marktteilnehmer« und dann (irgendwann) erst Mensch. Dass es noch Nationen gibt, bei denen es eher umgekehrt ist, wird zunehmend zu einem Anachronismus. So bietet sich mir hier ein entwürdigendes Schauspiel, bei dem nicht nur die Idee vom geeinten Europa auf dem Spiel steht, sondern offenbar auch ein Exempel statuiert werden soll – ausgerechnet an dem Land, das für unsere Kultur, auf die wir doch so stolz sind, eine wichtige Rolle gespielt hat.

Ich fremdschäme mich. Für Deutschland.

 

Nachtrag 27.6.15: Luft kriegen. Geistige. Das bedeutet es immer wieder für mich, wenn ich etwas aus berufenerem Munde als meinem lese, in dem ich zumindest in den Grundzügen meine Gedanken wiederfinde. Es sagt mir: Ich bin noch nicht verrückt. Noch nicht. Bevor ich es dann bin, wird sich womöglich irgendein Geheimdienst meiner annehmen. Alleine schon die Absicht, ernsthaft nachzudenken, wird zunehmend gefährlich. Nein, heute noch nicht. Aber morgen vielleicht.

Georg Diez schreibt in seinem Artikel, wie sehr sich die Sicht auf die Griechenland-Krise hierzulande von der zum Beispiel in England(!) unterscheidet. Danke dafür, und für den Mut, etwas zu sagen und zu schreiben, das die große Mehrheit hier ganz anders sieht.

In einer konservativen englischen Zeitung, dem »Telegraph«, gibt es gar einen Artikel, der die Griechenland-Krise als den »Irak-Krieg des Finanzsektors« beschreibt (im erstgenannten Text verlinkt). Ja, genau das ist es! Und die Mehrheit hier glaubt: »Die Griechen haben sich auf unsere Kosten die Eier geschaukelt. Sollen sie doch über die Klinge springen …« So einfach kann man es sich machen. Aber ohne mich. Das will ich zumindest gesagt haben. Öffentlich.

 

Nachtrag 2.7.15: Habe noch etwas gefunden, dass inhaltlich zu meinem Text passt. »Merkel über Griechenland: Im Paradies der Selbstzufriedenheit«, ein Kommentar von Stefan Kuzmany. Schon als ich diese Äußerung unserer Kanzlerin aus anderer Quelle hörte, fragte ich mich: »Hat sie noch alle Tassen im Schrank? Wo ist sie denn?«. Immerhin bin ich nicht ganz allein mit meinen Zweifeln.

Eben gerade las ich noch einen Kommentar von Jakob Augstein, dessen kluge, linke Sichtweise der Dinge mir gut gefällt. Offenbar ist auch er wütend über den Lauf der Ereignisse – so direkt, ja böse habe ich ihn bislang nicht gelesen. Auch er sieht Frau Merkel als Zerstörerin der Idee eines geeinten Europa und stellt die Frage, ob jetzt allein das Geld regiert. Ob die Demokratie noch eine Chance hat oder die Populisten das Rennen machen werden. Die werben mit einfachen Lösungen, die meist darauf hinauslaufen, dass irgendwelche Sündenböcke gefunden werden – und diese sind in den seltensten Fällen identisch mit denjenigen, die die Probleme geschaffen oder zumindest verschlimmert haben. Auch dieses Prinzip hatten wir schon mal … Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es.

 

Noch einer (3.7.15): Georg Diez hat noch einen Artikel geschrieben, der mir in seiner Bissigkeit gut gefällt. Ich finde es mutig, als Teil eines kleinen Häufchens von engagierten Journalisten gegen die Mehrheitsmeinung anzustinken, die ja selbst seriöse Zeitungen wie die »Zeit« vertreten – von bedrucktem Papier wie »Bild« will ich gar nicht erst reden.

Und 13.7.15: Nun ist also aus meiner Sicht der »Worst Case« eingetreten – unsere wackere deutsche Regierung hat es geschafft, ihre Sicht der Dinge, ihren Willen durchzusetzen. Bravo! Applaus! Am vergangenen Wochenende wurde viel politisches Porzellan zerschlagen, das meiste davon womöglich irreparabel. Dass nicht nur ich das so empfinde, beruhigt mich etwas, aber nur etwas. Ich schäme mich, Deutscher zu sein.

Und noch was: Das Titelblatt (und die Titelgeschichte) des aktuellen »Spiegel« (Ausgabe 29/2015) finde ich auf diesem Hintergrund unsäglich – und das ist noch beschönigend ausgedrückt. Wieso diese Häme, diese Gehässigkeit? Damit ist der Journalismusstil von »Bild« und »BZ« quasi salonfähig geworden. Viel tiefer kann ein ehemals kritisches Magazin wohl nicht mehr sinken, oder? Oder doch?

Noch was (17.7.15): Es rumort im Land. In welche Richtung sich die Dinge entwickeln werden, ist noch nicht abzusehen. Einerseits gibt es wohl eine große Zustimmung dazu, wie Wolfgang Schäuble sich verhalten hat. Andererseits habe ich den Eindruck, diejenigen, die zumindest nachdenklich sind, werden mehr. Ist nur ein Eindruck. Georg Diez zitiert George Monbiot aus dem »Guardian«: »Griechenland ist nur ein weiteres Schlachtfeld für den Krieg der Finanzelite gegen die Demokratie.« Das mag drastisch ausgedrückt sein, trifft aber sehr wahrscheinlich den Kern des Problems. Die Finanzelite besteht darauf, dass ihre Regeln gefälligst überall zu gelten hätten. Und wenn Demokratie dabei im Wege ist, dann muss sie halt verschwinden. Nein, nicht nur die Deutschen sind hart, wie Diez meint. Neoliberales Bewusstsein, eine neoliberale Weltsicht hat sich inzwischen beinahe überall durchgesetzt. Die Deutschen sind vielleicht etwas härter, etwas sturer als andere, reiten mehr auf Prinzipien herum. Die Härte neoliberaler Ideologie legt sich jedoch weltweit wie Mehltau über alles.

Vorheriger Eintrag: Nächster Eintrag:
 

Dein Kommentar zu »Fremdschämen«

Dein Kommentar