Freitag, 8. Juli 2011

Die Reinheit der Berührung und der böse Sex

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Die Reinheit der Berührung und der böse Sex

Vor Kurzem wurde auf Arte eine französische Dokumentation über die hinduistischen Mönche auf der indischen Flussinsel Majuli aus dem Jahre 2008 wiederholt. Ich sah sie mir an und war begeistert über die unglaubliche Anmut und Schönheit dieser Männer. Eine Schönheit und Anmut, die von innen zu kommen scheint, anders als das, was wir hier dafür halten.

Beim Schauen drängt sich bestimmt nicht nur mir eine Frage auf: Sind die alle schwul? So androgyn in ihrem Wesen, so einander zugewandt und zärtlich miteinander, wie sie im Film erscheinen? Wir sehen hier geradezu eine »Anti-Männlichkeit« – alles, was hier unter Männern gang und gäbe ist (auch unter schwulen Männern!), existiert dort anscheinend nicht: Offenes und verdecktes Macht- und Konkurrenzgebaren, Abgrenzungsverhalten, nicht fühlen Wollen, »Coolness« und vieles mehr.

Diese Männer und Jungen verhalten sich un-männlich nach unserem Verständnis, doch sie haben traumhaft schöne, muskulöse Tänzerkörper, die sich mit einer schon atemberaubenden Anmut bewegen. Und das nicht nur auf der Bühne, wo sie mit ätherischer, spielerischer Leichtigkeit zwischen Frauen- und Männerrollen wechseln können. Ihre langen Haare unterstreichen das alles noch.

Nun verstehe ich ja, dass die Kommentatorin in dieser Dokumentation (ich kann hier nur die deutsche Synchronfassung beurteilen) darauf eingehen muss, um gewisse Dinge »richtig zu stellen«, die sonst womöglich ein völlig falsches Bild beim Zuschauer hinterlassen würden. Doch wie dieser Kommentar ausfällt, das hat mich nun dazu gebracht, mich hier mal dazu zu äußern.

Im Folgenden also der gesprochene Kommentar zum Thema, Hervorhebung durch Unterstreichung von mir:

Ich war fasziniert von der Schönheit dieser jungen Leute, mit ihren entspannten, leuchtenden Gesichtern. Es muss ihr inneres Strahlen sein, das ihnen äußere Schönheit verleiht und sie so sympathisch macht.

Hier legen sich Freunde, ob Mönche oder nicht, gerne gemeinsam zum Entspannen oder Schlafen nieder. Wenn man nichts anderes zu geben hat, ist die Bereitschaft, die Nähe eines anderen zuzulassen, ein Zeichen der Gewogenheit, der Hochachtung dem anderen gegenüber.

Die Intimität dieser Männer untereinander hat eine natürliche Unverdorbenheit, und nur unsere westliche Kultur argwöhnt hier Homosexualität. Denn die Mönche des Satra leben sexuell enthaltsam, und ersehnen einzig und allein die Liebe Krishnas.

(Ein Mönch sagt:) »Die Gemahlinnen verwenden das Wort ›Swami‹, ›Geliebter‹. Also  müssen wir Frauen werden, um zu Gott zu beten. Deshalb müssen wir die Gestalt unserer Mutter Natur annehmen und das Haar lang tragen. Die Haare sollen lang sein, wenn wir zu Gott beten wollen.«

In der überschwenglichen Gestik dieser wunderschönen Körper aus der Freude am Augenblick heraus liegt keinerlei Berechnung, kein Streben nach körperlicher Erregung. Dieses Streicheln ist einfach der ganz natürliche und reine Ausdruck einer echten Zuneigung und einer ursprünglichen Freude am Berühren und Fühlen. Es lässt außerdem erahnen, dass Begehren und Liebe vielerlei Gestalt annehmen.

Der Kommentar erwähnt den Begriff »natürliche Unverdorbenheit«, um sich einen Moment später vom Eindruck der Homosexualität zu distanzieren. Was soll das? Bedeutet homosexuelle Gefühle auszuleben (ich ziehe inzwischen den Begriff »gleichgeschlechtliche« vor, der ist für mich ungleich wertneutraler), unrein, unnatürlich, verdorben zu sein? Dies wäre der logische Umkehrschluss aus dieser Äußerung. Abgesehen davon, dass ich die schwule (Sub-)Kultur auch nur für ein verzerrtes Spiegelbild des üblichen männlichen Selbstverständnisses halte, finde ich dieses Urteil ziemlich dreist. Es bestärkt in seiner Plattheit die üblichen latenten oder expliziten Vorurteile, die nach wie vor in sehr vielen Köpfen herumschwirren und aus meiner Sicht absolut kontraproduktiv sind – kontraproduktiv für alle, egal wie sie sich und ihre sexuellen Vorlieben definieren.

Weiter versteigt sich der Kommentar dann zu der Behauptung, es gäbe keinerlei »Berechnung« auf … Sex hin, also kein »Streben nach körperlicher Erregung«, sondern nur die reine Freude am Berühren. Aha. Also hier ist die reine Berührung, dort ist der böse, böse, säuische Sex. Zack – Schnitt! Achtung, Zonengrenze! Vorsicht, Schusswaffengebrauch! Hier wird es für mich dann wirklich pervers. So kam vor vielen Jahren mal einer der sich damals als »neue«, »bewegte« Männer Verstehenden zu mir und unterbreitete mir ungefragt, Zärtlichkeit unter Männern sei ja sooo toll, doch Sex – iiih, bäh, wie eklig! Schon der Gedanke … !

Immerhin wird im Kommentar angedeutet, dass »Begehren und Liebe vielerlei Gestalt annehmen können«. Das klingt auf diesem Hintergrund schon fast wieder versöhnlich. Doch wo fängt Zärtlichkeit eigentlich an, wo »hört sie auf«? Wann fängt Sex an? Ist es noch Zärtlichkeit, wenn mir beim Blick in die Augen eines anderen ein wohliger Schauder über den Rücken läuft? Und wenn ich dann kurz danach auf dem Klo beim Pinkeln feststelle, dass mein schlaffer Schwanz schon Lusttropfen von sich gegeben hat, obwohl es »nur« ein Blick war und es auch bei dem Blick geblieben ist? Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, denn mein Körper hat eindeutig mit einem Signal der Erregung reagiert, mit einer sexuellen Reaktion?  Ist dieser Blick jetzt dadurch »unrein«, schändlich? Muss ich mich nun schämen, weil meine unmittelbare, von meinem Bewusstsein doch erst später entdeckte sexuelle Reaktion meines Körpers meine Absichten »entlarvt«, die »Reinheit« des Augenblicks zerstört hat? Was soll ich jetzt also tun, um meine »Reinheit« zu gewährleisten?

Im Mittelalter nahmen Menschen, in erster Linie Männer, die »neunschwänzige Katze« und peitschten sich damit so lange selbst aus, bis der Schmerz und das rauschhafte Gefühl, nun die Kontrolle über »diesen sündigen Leib« wiedererlangt zu haben jegliche Möglichkeit einer (Er-)Regung ausgestanzt hatten. Etliche davon wurden damals und werden noch heute als Heilige verehrt. Sollten das unsere heimlichen Vorbilder sein?

Etliche Male habe ich mit Männern geschmust, die sich selbst als »Hetero« verstanden, oder, ich sollte besser und volksnäher sagen, als »normal«. Meist waren wir beide dabei bekleidet. Sie wurden schnell immer verkrampfter, je länger wir zärtlich waren, weil sie offensichtlich Panik bekamen, ihr Körper könnte spontan und unkontrolliert lustvoll reagieren – ihr Schwanz könnte steif werden und so ihr sexuelles Identitätsgefühl erschüttern.

Unsere Körper kennen offenbar die Antwort auf diese Fragen viel besser, als wir das wahrhaben wollen: Der Übergang vom Angenehmen zum Lustvollen zum Geilen ist fließend, und unsere Körper kennen offensichtlich auch keinen »natürlichen« Unterschied, ob diese angenehm-lustvollen Gefühle von einem Menschen des anderen oder des eigenen Geschlechts ausgelöst werden. Unser Körper entzieht sich unserer Kontrolle, macht, was er will, nicht, was wir wollen – was wir denken, dass er tun soll. Dieser Kontrollverlust ist wahrscheinlich mit das Irritierendste überhaupt am Sex, und wohl einer der Hauptgründe, warum wir vor ihm solche Angst haben. Es ist dieses Anarchische, das unser Körper ist, er verkörpert sprichwörtlich die Energie, die uns alle hierher gebracht hat. Das nehmen wir ihm so übel, dass wir ihn wie ein gefährliches, bösartiges großes Tier einsperren, züchtigen und dressieren zu müssen glauben.

Die Grenzen machen wir, in unseren Köpfen. Wir machen sie, um uns abgrenzen zu können, um unsere Identität zu wahren: Das bin ich, das nicht. Das darf ich empfinden, jenes nicht. Diese Lust »passt« zu »mir«, jene nicht. Ich kenne das selbst aus der Zeit meines schwulen Coming-Outs mit Anfang zwanzig: Was war das für ein Kampf in mir! Und das obwohl, oder gerade weil ich schon mit vierzehn heimlich Schulkameraden anhimmelte – und mich dann auf einer Geburtstagsfete eine gleichaltrige Frau einfach schnappte und anfing, mit mir leidenschaftlich ‘rumzuknutschen, und wir das beide sehr genossen. Danach hatte meine Hose vorne einen großen feuchten Fleck …

Wie tief diese Bilder und fixen Ideen in mir verwurzelt gewesen sind, kann ich inzwischen gut nachvollziehen, denn seitdem sind Jahrzehnte vergangen. Erst seit vielleicht zehn, zwölf Jahren hat sich das alles auf eine wunderschöne Weise entspannt, denn es löst sich zunehmend auf.

Dass nicht nur bei mir diese Glaubenssätze und Vorstellungen quasi zur Geburtsausstattung gehören, dessen bin ich mir sicher. Sie sind Teil einer umfassenden Vorstellungswelt von »Männlichkeit« (respektive »Weiblichkeit«), die spätestens seit dem Moment auf uns einwirkt, an dem unsere Eltern und die Umgebung unser Geschlecht kennen. Sie überprägt mit Sicherheit weitgehend auch die biologisch nachweisbaren Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen.

Was diese »Männlichkeit« ausmacht, habe ich oben schon mal angerissen. Ich will es hier nicht noch mal tun. Eine der elementarsten Sünden gegen die »Männlichkeit« scheint es jedoch zu sein, für einen anderen Mann echte Zuneigung, ja Liebe zu empfinden, die auch die körperliche Ebene einschließt. In unserer Kultur gibt es dafür nur ein winziges Repertoire von Verhaltensweisen, die noch gesellschaftlich akzeptiert sind. Will man(n) die auch nur ein wenig ausweiten, muss der Alkohol fließen, denn in nüchternem, also als zurechnungsfähig erachtetem Zustand käme das auch heute noch einem sozialen Selbstmord gleich.

So ist der liebevoll-zärtliche Umgang der Mönche miteinander für uns auch nur verständlich und akzeptabel, wenn es dazu heißt: »Sie leben keusch und vermeiden jegliche Erregung.« Ob diese Aussage nun so stimmt oder nicht, steht hier nicht zur Debatte. Das dürfte sich auch ohne weiteres nicht überprüfen lassen.

Für mich ist aber klar, dass diese »Zonengrenze« zwischen Zärtlichkeit und Sex besteht. Es gibt sie auch zwischen Mann und Frau, was eine Menge Leid und Streit heraufbeschwört. Und es gibt sie auch noch in mir, denn auch ich begegne ihr noch gelegentlich. Neulich musste ich in den Spiegel schauen und anerkennen, dass auch ich mich zumindest gelegentlich zu schnell auf Sex einlasse, wenn ich in diesem Moment eigentlich in erster Linie Nähe und Zärtlichkeit suche. Den umgekehrten Fall erlebe ich bei mir eher selten, doch er ist sicher durchaus gängig, vor allem bei Männern Frauen gegenüber.

Doch was macht den Sex so »böse«, so »schmutzig«, so »entwürdigend«? Wieso korrumpiert er angeblich die »Reinheit« der Berührung? Wie kann das sein, wenn unsere Körper von dieser Trennung nichts wissen? Dann muss das in unseren Köpfen passieren.

Vermutlich hängt das mit Etlichem zusammen, was die allermeisten von uns quasi mit der Muttermilch aufgesogen haben – vor allem mit Schuldgefühlen, dass Sex etwas »Tierisches« sei, des Menschen unwürdig (Woher kommt diese Vorstellung?). Und auch damit, dass Sex vor allem von Männern als Machtmittel missbraucht wurde und wird – jemanden zum Sex zu zwingen bedeutet, Macht über ihn auszuüben und ihn zu erniedrigen, ja, ihn als menschliches Wesen zu »entwerten«.

Das kommt zum Beispiel in dem ordinären Macho-Spruch »Ich fick’ dich!« zum Ausruck. Beim Militär lernte ich das Wort »Ficken« als Synonym für jemanden fertig machen, quälen, erniedrigen kennen – vielsagend! Gerade das Militär ist für mich der unmittelbarste Ausdruck männlichen Machtanspruchs über Leben und Tod anderer. In vielen Kriegen gab es Massenvergewaltigungen von Frauen (und Männern!) des Gegners, um den »Feind« zu demütigen und zu erniedrigen, ja, ihn seelisch zu zerbrechen.

Meine Vermutung geht dahin, dass mit der weltweiten Vorherrschaft des Patriarchats auch die gezielte Instrumentalisierung des Sexuellen als Macht- und Unterdrückungsmittel begann, und es damit seine »Unschuld« verlor. Von einer lebendigen, unmittelbaren Form unseres Ausdrucks von Lebensfreude, Zuneigung, Lust und Wertschätzung wurde es zu einem Instrument machistischen Überlegenheitsgebarens und der Verehrung des Kontrollierten, des Toten. Das ist für mich der eigentliche Sündenfall der Menschheit.

Solange es also »Männlichkeit« (und das passende und unterstützende Komplementär der »Weiblichkeit«) in unserer Kultur gibt, wird sich an unserem bisherigen Verständnis von und Umgang mit Sexualität wenig ändern. Eine relativ neue Entwicklung ist zudem, dass »Sex« (beziehungsweise das, was vor allem Männer darunter verstehen) allgegenwärtig als Ware erhältlich ist – heute quasi im Supermarkt, und jederzeit über das Internet.

Dabei ist es charakteristisch, dass die Akteure, die in dieser Flut von Bildern und Filmen auftreten, als Menschen verschwinden: Sie verwandeln sich in austauschbare Abziehbilder in Menschengestalt und präsentieren sich selbst als Ware. Genau das ist für mich das Kriterium für Pornografie. Sie spiegelt damit ein Hauptcharakteristikum unserer Zeit wider. Dass es so viele Konsumenten zu geben scheint, die genau darauf abfahren, sagt eine Menge über unsere geistig-seelische Verfassung aus.

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