Samstag, 13. März 2021

Freiheit? Undenkbar!

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Freiheit? Undenkbar!

Heute. »Es reicht!« Ein kleiner Haufen Versprengter, Unentwegter. Durchschnittsalter bestimmt Mitte fünfzig. Nur ein paar hundert Leute. Ein orangeroter Pritschenwagen als provisorische Bühne, mit einer kleinen Lautsprecheranlage. Die schafft es kaum, gegen den Wind anzukommen. Ein paar Fahnen, einige Banner und Schilder mit Slogans. Das ganze wirkt auf mich ein Bisschen wie Straßenfest, nicht wie Demo.

Rundherum und vereinzelt auch mittendrin Polizei, erstaunlich wenig verglichen mit früheren Demos, wo teilweise mehr Polizei als Demonstranten da war. Insgesamt vielleicht eine Hundertschaft, mehr nicht. Lässige Atmosphäre, auch auf Seiten der Polizei. Etwa alle zwanzig Minuten eine freundliche Aufforderung, den ganzen Platz der Straße zu nutzen, Abstand von mindestens einsfünfzig sowie Mund und Nase bedeckt zu halten.

Ich meine aus dem Unterton und der Art, wie die junge Männerstimme am Mikrofon »rüberkommt« zu hören, dass er eigentlich auch nur seinen Job macht. Er hat den Auftrag, die Durchsagen zu machen, also macht er es. Von sich aus würde er das wohl nicht tun.

Ich spüre einen Hauch »Alter Normalität«, wo ich mit Menschen, die mir sympathisch waren »einfach so« ins Gespräch kam. Ohne Maske, ohne Angst vor zu wenig Abstand. Ich erwische mich dabei, mich auch hier dauernd zu fragen, ob ich zu nahe bin. Das ist also schon ins Halbbewusste eingesickert. Etwas durchzuckt mich, das emotional weh tut: Ich spüre, wie ich mich langsam verändere, obwohl ich innerlich bremse und so bewusst bin wie es mir möglich ist.

Mir wird kalt. Es fängt wieder an zu regnen. Ein paar Fetzen Musik wehen von der Bühne herüber. Hört sich an wie realsozialistische Fahrtenlieder. Ich fühle mich mal wieder zwischen allen Stühlen und mache mich auf den Weg zum Fahrrad, das ein Stückchen weg steht.

Eine Dreiviertelstunde später. Ich bin im Supermarkt, der gut besucht ist. Da fällt mir ein, dass meine Nachbarin einen Beutel Blumenerde mitgebracht haben wollte. Doch die sind draußen. Ich frage einen der Leute vom Supermarkt, doch der meint, man könne die nur von draußen mit reinbringen.

Also gehe ich noch mal raus und greife mir einen Beutel. Als ich wieder rein will, stoppt mich der Wachmann, der im Eingang steht. Nein, mit einer Stoffmaske dürfe ich auf gar keinen Fall zurück ins Geschäft. Er funkelt mich böse an, ich meine sogar unterschwelligen Hass zu spüren. Offenbar nimmt er das mit der Stoffmaske persönlich.

Mir wird jetzt erst klar, dass wohl meine Wahrnehmung stimmt und ich sie hier nur als Konzentrat vorgeführt bekomme: Die Blicke vor Allem der Leute, die hier mit FFP2-Masken herumlaufen – inzwischen die Mehrheit, ich schätze etwa zwei Drittel – waren wohl doch nicht eingebildet.

Ich kaufe an der Kasse eine Maske, sie haben nur FFP2, und setze sie auf, dabei überwacht von dem Wachmann. Ich bin nicht sicher, doch ich meine die Reaktionen der Beobachter der Szene zwischen Genugtuung und Bedauern wahrzunehmen, manchmal eine Mischung aus Beidem. Gleich darauf bin ich über den starken Atemwiderstand der Maske überrascht. Ich hatte die bislang nicht »probiert«.

Und gleichzeitig bin ich überrascht, wie viele Leute freiwillig mit einer solchen Maske herumlaufen. Nein, nicht nur im Supermarkt, sondern zunehmend überall, auch wo es nicht vorgeschrieben ist. Ich habe schon Jogger mit FFP2-Maske gesehen! Als ich meine Einkäufe beisammen habe und an der Kasse stehe, ist mir ganz leicht schwindelig. Nach den paar Minuten schon! Ohne nennenswerte Anstrengung!

Und die Mehrheit trägt solche Masken mit geradezu religiöser Hingabe. Mir wird langsam immer klarer, dass die meisten so ziemlich alles mitmachen werden. Noch nicht jetzt, aber nach dem »Froschprinzip« der langsamen Gewöhnung schon sehr bald. In nicht allzu ferner Zukunft werden viele Leute »solche wie du« nicht mehr nur hasserfüllt anstarren. Sondern sie werden einen Schritt weitergehen.

Und später auch zwei, drei. Es ist nur eine Frage der Zeit.

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