Sonntag, 20. August 2017

Nicht fühlen

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Nicht fühlen

Wollen wir denjenigen die Welt überlassen, die die nicht fühlen wollen – oder können? Ich habe bewusst diese Reihenfolge der Aufzählung gewählt. Warum? Weil ich daran glaube, dass alle Menschen fühlen können, von Geburt an. Nun, vielleicht gibt es ganz wenige Ausnahmen, wer weiß. Wir können es, so wie wir in der Regel Berührung unserer Haut spüren.

Wenn jemand nicht fühlen kann, so hat dies, so sehe ich das zumindest, Gründe, die in seiner oder ihrer Geschichte liegen: eine tiefe Traumatisierung zum Beispiel. Und der daraus folgende, mehr oder weniger bewusste Versuch, die schlimmen Erfahrungen wegzudrücken, zu verdrängen, um den damit verbundenen Schmerz nicht mehr fühlen zu müssen. Oder ist es womöglich auch die praktische Umsetzung der in jungen Jahren noch meist intuitiven Erkenntnis, dass denjenigen, die nicht fühlen, der Weg zur Macht offen steht? Beides hat mit Kontrolle zu tun.

Traumatische Erfahrungen können vielerlei Ursachen haben und ab der frühesten Kindheit, womöglich sogar schon im Mutterleib oder gar über Vererbung, als auch später im Leben aufgetreten sein. Je später im Leben wir diese Erfahrungen machen, desto bewusster sind sie uns in der Regel. Nicht zu fühlen kann aber auch darauf zurückgehen, sich das Fühlen nach und nach abtrainiert zu haben – etwa in der Art, ein »richtiger«, ein »harter« Mann zu werden. Das andere Extrem, das aber letztlich genauso korrupt ist, bedeutet sich als Frau Gefühle als »Handwerkszeug« anzueignen, mit deren gezieltem und geschicktem Einsatz sich andere Menschen, vor allem die gefühlsbehinderten Männer, gut und nachhaltig zugunsten eigener Interessen manipulieren lassen.

Das funktioniert besonders gut bei Männern, die sich aufgrund ihres (Selbst-)Trainings ganz und gar zum »harten Mann« geformt haben, dabei in aller Regel tatkräftig unterstützt durch die Kultur und das Umfeld, in dem sie leben. Denn dadurch wachsen sie als so etwas wie »Analphabeten« auf, was Gefühle angeht: Was ihnen hier zur Verfügung steht, ist in der Regel auf eine Handvoll »männlicher« Empfindungen beschränkt, wohingegen Frauen die Gefühlswelt quasi als »ihre Domäne«, als ihr Reich requiriert haben. Durch deren praktische »Anwendung« herrschen sie, wo ihnen dies im Patriarchat ansonsten nicht möglich ist.

Beides bedeutet aus meiner Sicht eine extreme Verkümmerung echter menschlicher Substanz. Weitgehende Unfähigkeit zu Fühlen hier, Gefühle als Werkzeuge der Manipulation dort. In beiden Fällen sind die Menschen ihrem wahren Selbst fremd geworden. Dass dies sowohl Männern als auch Frauen in der Regel nicht bewusst ist, macht das Ganze noch tragischer und aussichtsloser.

Meine Vermutung ist, dass mit dem Entstehen des Patriarchats auch die Unterscheidung und Polarisierung in »harte Männer« und »weiche Frauen« begann. Über die Jahrtausende haben sich diese Rollenverteilungen dann ausdifferenziert und eingegraben. In manchen indigenen Kulturen sind allerdings noch Reste unserer ursprünglichen inneren Strukturen erhalten geblieben. Die moderne Forschung bestätigt zwar, dass es biologisch verankerte Neigungen gibt, doch eines der Hauptmerkmale unserer Spezies ist es, extrem prägbar zu sein. Die Tragik darin ist jedoch, dass das natürliche Spektrum an Verhaltens- und Empfindungsweisen, das jeder und jedem von uns in die Wiege gelegt wurde, auf diese Weise stark eingeschränkt wird.

Die neoliberale Ideologie hat eine extreme Betonung des Einzelkämpfertums und der Konkurrenz aller gegen alle, des Rechts des Stärkeren (bzw. Tüchtigeren, Optimierteren, Gewitzteren, »Einzigartigeren« – die Aufzählung ist beliebig im Sinne eines Überlegenheitsdenkens erweiterbar) und einen quasireligiösen Glauben an den »freien Markt« geschaffen. Ein entsprechendes Denken und ein sich Ausrichten an diesem »Markt« hat sich inzwischen praktisch weltweit durchgesetzt: schlechte Aussichten für das Fühlen, um es mal zurückhaltend auszudrücken. Denn direktes, unmoderiertes Fühlen wird auf dem Markt weder honoriert noch ist es dort hilfreich – ganz im Gegenteil.

Wohin bewegen wir uns also, in einer Welt, in der Fühlen bestenfalls noch unter unserer strengen, verstandesmäßigen Kontrolle stattfinden darf? In der es, neben dem oben Erwähnten, zusätzlich den Anforderungen einer narzisstischen Selbstdarstellung zur »Marktwertsteigerung« zu genügen hat? Um es kurz zu machen: Ich habe ein Scheißgefühl dabei.

Anmerkung: Den ersten Entwurf für diesen Text habe ich im Frühsommer 2015 geschrieben. Nach einer kleinen Überarbeitung nun hier. Vom Stil her würde ich heute manches anders schreiben. Vom Inhalt her ist der Text heute aktueller als vor zwei Jahren.

 

Anmerkung 22.9.17: »Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.« Solche Lichtlein fand ich auf der Seite http://www.ecobuddhism.org, auf der viele Stimmen mit buddhistischem Hintergrund zu Wort kommen – die weitaus meisten sogar recht bekannte Leute aus der Wissenschaft, aber auch spirituelle Lehrer, die prominentesten davon Tich Nhat Hanh und der Dalai Lama. Zwei Artikel (auf Englisch) möchte ich im Zusammenhang mit meinem Text oben hier verlinken, und natürlich gibt es auch Bezüge zu vielen weiteren Beiträgen auf meiner Seite: Im einen Artikel spricht der Psychologe Gabor Maté über Sucht und ihre Hintergründe, im anderen äußert sich die Psychotherapeutin Marion Woodman über unsere innere Distanz zu uns selbst und die Folgen.

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