Donnerstag, 7. September 2017

Wir sind ARM

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Wir sind ARM

Willkommen im Land der Perfektion. Willkommen im Land der ewigen Wirtschaftswachstums. Willkommen auf der Insel der Seligen.

So gesehen sind wir reich. Stinkreich. Wir haben’s drauf: Denn wir sind ARM – die Alles Richtig Macher.

Schon wenn ich aus dem Fenster schaue, dann kann ich sehen, wie die ARMut um sich greift: Kinder ohne Helm auf einem Fahrrad? Falls ich das mal sehe, mache ich einen Strich im Kalender. Erwachsene ohne Helm auf dem Fahrrad? Inzwischen eine Minderheit, die schnell weiter schrumpft. Erwachsene ohne Radfahr-Outfit auf dem Fahrrad? Noch eine Minderheit, aber immerhin noch eine große, wenn auch weiter schrumpfend.

Bald werde ich schon auffallen, wenn ich nur aus dem Haus gehe. Weil ich etwas einfach so tue, ohne perfektes Styling, ohne Fallschirm, Schutzhelm, drei Zusatzversicherungen, zwei Smartphone-Apps, Sonnenbrille und Gedudel in den Ohren.

Wie seltsam, dass ich mich oft unnatürlich lebendig fühle unter all den Mitmenschen, die alles unter Kontrolle haben, die alles richtig machen. Nun, der Trend ist wohl weltweit vorhanden, wenn ich mich so umschaue. Der Anachronismus bin ich.

 

Nachtrag 2.10.17: Wie schön, mal eine Stimme zu hören, die sich dem Alles-Richtig-Machen, der totalen Effizienz und Kontrolle verweigert. Claudia Voigt schreibt auf »Spiegel Online« einen durchaus ernst gemeinten Artikel darüber, dass Ordnung nicht das halbe Leben sei. Der zeitgenössische Wahn, alles unter Kontrolle haben zu müssen, hat inzwischen seinen Niederschlag auch in einer neuen Beraterliteratur gefunden – und wohl auch in den Leuten, die sich damit brüsten, nur fünfzig Gegenstände zu besitzen.

Nachtrag 9.12.17: Eben gerade las ich einen Kommentar von Thomas Fricke bei »Spiegel Online« über die wenig rühmlichen Beiträge Deutschlands zur Krise Europas. Mir drängt sich da mal wieder ein böser Gedanke auf: War der Mann, der damals auf Wolfgang Schäuble schoss ein Irrer oder ein Visionär? Beides? Nein, das soll keine Rechtfertigung für politische Morde sein. Doch es bringt etwas auf den Punkt, mit pechschwarzem Humor. Denn unser Finanzminister steht ja nur für eine Mentalität, die sich vor nicht allzu langer Zeit in Inschriften wie »Arbeit macht frei« oder Wendungen wie »Vernichtung durch Arbeit« ausdrückte …

Nachtrag 15.2.18: Ein trauriges Kapitel. Unser Gesundheitssystem ist inzwischen weitgehend nach Effizienz-, Konkurrenz- und Kostenoptimierungs-Gesichtspunkten durchstrukturiert. »Jeden Tag eine neue Katastrophe« ist ein Artikel dazu bei »Spiegel Online« überschrieben. Am Besten gesund bleiben, so lange wie möglich. Denn Pflegekräfte gelten nichts, beziehen nur sehr bescheidene Gehälter und werden dazu ausgepresst wie Zitronen. Wozu auch für etwas bezahlen, das nichts »bringt«? Hier zeigen sich die Konsequenzen des neoliberalen, marktorientierten Denkens am direktesten und brutalsten. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Anders als im Artikel behauptet sehe ich nicht nur die Politik in der Pflicht. Das allgemeine Denken, der Zeitgeist spiegelt sich hier genauso wider.

Nachtrag 5.3.18: Sibylle Berg schreibt Kolumnen bei »Spiegel Online«, die jeweils Sonntags erscheinen. In ihrer letzten Kolumne schreibt sie über ihren Eindruck, dass sich eine neue »Spießigkeit in Outdoorjacken« ausgebreitet habe. Ja, das ist aus meiner Sicht ganz gut auf den Punkt gebracht. Selbst hier in der Stadt, in Berlin-Prenzlauer Berg (vielleicht ganz besonders hier?), bekomme ich das mit. Noch trage ich meine alte, abgewetzte Lederjacke. So etwas habe ich auch schon neu gesehen, jedoch auf alt und abgewetzt gemacht – das Jacken-Pendant zu den ab Werk zerfetzten Jeans. Wenn ich mit der alten Jacke unterwegs bin, wächst die Skepsis mir gegenüber beinahe täglich, habe ich den Eindruck. Mit einer neuen, auf alt gemachten Jacke würde ich bestimmt öfters gefragt, wo ich die denn gekauft hätte … Moderne Zeiten.

Nachtrag 18.5.18: Das gefällt mir (auch wenn ich keine Likes vergebe): Die Sängerin Pink hat einem Troll geantwortet, der sie wegen ihres Alters beleidigt hatte. Ihre Antwort gefällt mir, auch wenn ich mir natürlich keine Illusionen darum mache, möglicherweise in zehn Jahren darüber zu lesen, dass Pink sich doch hat liften lassen. Dafür sind Unterhaltung und reales Leben, »Individualismus« und »Influencern« nachzufolgen inzwischen einfach zu sehr vermischt, ja ununterscheidbar geworden. Ich hoffe aber, dass ihre kecke und selbstbewusste Antwort doch ein paar Leute auf der »richtigen« Ebene erreicht und entsprechende Folgen hat.

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