Samstag, 19. August 2017

Ich bin Impfgegner

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Ich bin Impfgegner

Nein, an dieser Stelle soll es nicht um die leidige Frage gehen, ob man Kinder impfen soll oder nicht. Leider ist es hier so wie fast überall sonst auch: Man ist entweder unkritisch dafür oder fanatisch dagegen. Dazwischen Vakuum.

Die wichtige Frage wäre aus meiner Sicht: Wogegen sind Impfungen sinnvoll (will heißen, der mögliche Nutzen ist weit größer als die potentiellen Gefahren), und wo ist dieses Verhältnis ungünstig? Anders: Müssen wir gegen alles impfen, was medizinisch möglich ist? Das wäre eine interessante Frage, doch mich beschäftigt hier etwas Anderes.

William McGuire, der Sozialpsychologe an der Yale University war, forschte zu der Frage, inwieweit es so etwas wie eine »Impfung« (er nannte das Inokulation) auch auf geistiger Ebene gibt. Er und seine Mitarbeiter fanden heraus, dass wiederholte, schwache Herausforderungen an unser Weltbild uns gegen Argumente und Sichtweisen, die dieses ernsthaft in Frage stellen würden »immunisieren« können. Diese schwachen »Herausforderungen« müssen uns allerdings überhaupt einer Beschäftigung mit ihnen wert sein, dürfen jedoch auch wiederum nicht so stark ausfallen, dass sie unsere Position ernsthaft ins Wanken bringen können.

Dann werden wir in unserer Weltsicht sogar gestärkt, sind weitgehend immun gegen Gefühle und Gedanken, die wir (mehr oder weniger bewusst) als bedrohlich empfinden. Das bedeutet aber auch, dass wir so gegen innere Vorgänge immunisiert werden können, die von gesellschaftlichen Kräften als unerwünscht, als ihren Interessen zuwiderlaufend angesehen werden. Diese Kräfte können konkrete Machtinteressen von bestimmten Gruppen (z.B. der Industrie) sein, jedoch auch unbewusst verinnerlichte kollektive Übereinkünfte, die das Identitätsgefühl der großen Mehrheit stützen.

Werbung ist dabei aus meiner Sicht ein wichtiger Katalysator und Schrittmacher dieser Entwicklung. In die Werbeindustrie fließt mit Sicherheit viel Geld, und sie macht (teilweise zumindest) die Forschungen und Untersuchungen, die eigentlich die neutrale Wissenschaft (wie öffentliche Universitäten) unternehmen sollte. Doch dort »lohnt« sich das nicht, deshalb wurden und werden Gelder dafür gestrichen. Zudem sollen diese Erkenntnisse eben nicht in Hände geraten, die den Drahtziehern in den Firmenzentralen und der hohen Politik missfallen, ihre Macht in irgendeiner Weise schmälern könnten.

So werden solche Erkenntnisse dazu genutzt, um Menschen noch perfider kontrollieren und manipulieren zu können – idealerweise so, dass diese das Gefühl haben, dabei auf der Gewinnerseite zu stehen. Ich hege seit längerem die Vermutung, dass der oben geschilderte Effekt inzwischen auch gezielt eingesetzt wird, um uns gegen bestimmte Denkansätze, ja Bewusstseinszustände zu »immunisieren«. Dabei sehe ich aber weniger eine großangelegte Verschwörung, sondern eher hier und da kleine, dafür sehr gezielte Aktionen zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle, um die Dinge im Sinne der Interessengruppen zu beeinflussen.

Denn indem Versatzstücke von potentiell gefährlichen Ideen »mundgerecht« in die Populärkultur eingerührt werden, verlieren sie ihre Brisanz und werden zusammen mit dem übrigen »Brei« konsumiert. Verdünnt und ihrer Tiefe beraubt können »gefährliche« Ideen und Geisteswelten dahinter nun keinen »Schaden« mehr anrichten – zum Beispiel zu unbequemen, tiefen Fragen führen. Ein gutes Beispiel dafür sind die inzwischen ubiquitären Buddhafiguren und -Köpfe. Sie sind so zahlreich und stehen nun wirklich überall, dass sie zu einer regelrechten Seuche geworden sind. Es würde mich kaum wundern, falls auch die Folterknechte in Syrien in ihren »Laboratorien« der Qual welche aufgestellt hätten.

Die in diesem Zusammenhang wichtige Frage, die mir »hochkommt« ist, wie sich die »Impfung« gegen Tiefe verhindern lässt. Mehr als früher mischt sich Wichtiges mit völlig Nebensächlichem, Belanglosem und steht heute gleichberechtigt nebeneinander. Unterhaltung war schon immer ein sehr menschliches Bedürfnis, doch heute haben wir die totale Unterhaltung – reales Leben und Unterhaltung sind inzwischen untrennbar miteinander verschmolzen.

So können selbst Gegner von Werbekampagnen wie die »Adbusters« zum hippen Unterhaltungsevent werden, das konsumiert wird und deren Konsumenten sich als Elite der Gesellschaft fühlen können – was sie auf eine Weise ja auch sind, und gleichzeitig reproduzieren sie bewusstseinsmäßig das, was sie vorgeben zu bekämpfen. Im Zeitalter der totalen Vermarktung von Allem ist selbst das Aufbegehren gegen etwas nur eine weitere, neue Show, bei der man sich wohlfühlen und die Chipstüte aufmachen kann, oder eine dieser braunen oder grünen Flaschen, die nachher von jemandem mit verhärmtem Gesicht auf der Straße aufgelesen und in eine große Tüte gesteckt werden.

Nein, verzeiht mir – ich habe keine Antworten. Früher war nur der Papst unfehlbar. Heute sind es Alle. Und jetzt … Im Kühlschrank ist noch Bier.

 

Nachtrag 15.10.17: Wie eigentlich immer freue ich mich über gut gestellte Fragen aus berufenem Munde. In seiner Kolumne sinniert Georg Diez bei »Spiegel Online« darüber, wieso heute die Standards politischen Handelns nicht mehr von der Linken, sondern von der Rechten gesetzt werden. Er meint, »es brauche eine Revolution der Humanisten«. Doch wogegen oder wofür kämpfen, und wie – in einer Zeit, in der sich viele Maßstäbe zuungunsten der Demokratie verschoben haben? Wo eine blinde Zuversicht, dass alles automatisch immer besser würde alle Zweifel beiseite wischt und Utopien gar nicht erst entstehen lässt? In der alles Unterhaltung geworden ist?

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