Donnerstag, 23. März 2017

Die Sache an sich

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Die Sache an sich

Mir fehlen die Worte. Für das, was mich bewegt. Für das, was ich tagtäglich um mich herum geschehen und wachsen sehe.

Altmeister Leonard Cohen, Dichter, Sänger und Zen-Meister, ist nun nicht mehr unter uns. Doch auf seiner vorletzten CD, »Old Ideas« von 2012, gelang ihm (aus meiner Sicht zumindest) ein Kunststück, um das ich ihn beneide: Er schaffte es, in einem Lied über einen Bewusstseinszustand zu sprechen, ohne diesen selbst benennen zu können (und zu müssen).

Anstatt einen von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch zu unternehmen, etwas mit Worten zu benennen, das sich diesen beharrlich entzieht beschreibt er sein Gefühl, das ihn bei der Reaktion seines Gegenübers beschleicht: »But frankly, I don’t like your tone.« Zu Deutsch: »Aber ganz ehrlich – ich mag Deinen Ton (dabei) nicht.«

Ich meine hier sein Lied »Different Sides«, das Letzte auf oben genannter CD. Ein »harmlos« daherkommendes Liedchen, das sich (zumindest aus meiner Sicht) jedoch mit einer zentralen Frage des Menschseins beschäftigt. Nein, es bietet keine Lösung an. Es beschreibt nur einen Ist-Zustand.

Doch selbst das ist schon schwer genug. Selbst zaghafte Ansätze in dieser Richtung meinerseits unterlasse ich inzwischen, denn sie führen nirgendwo hin, doch mit schöner Regelmäßigkeit früher oder später zu einem Streit, in dem sich meine Mitmenschen persönlich angegriffen und infrage gestellt fühlen. Das ist weniger meine Intention, aufgrund der Art der Ebenen jedoch (fast) unvermeidlich. Sollte ich mich dennoch mal »zu weit aus dem Fenster gehängt haben«, so gelingt es mir inzwischen fast immer, mich höflich aber bestimmt aus dem Thema zurückzuziehen. Doch ich bin ein sturer Bock. Meine Art, »Liebe zu machen«, in der Welt zu stehen wird so bleiben.

Dabei sitze ich heute noch mehr auf heißen Kohlen als früher. Mag sein, dass meine Wahrnehmung mich täuscht. Doch ähnlich wie in den späten Jahren der DDR habe ich das Gefühl, dass »etwas in der Luft liegt« – jedoch keine Ahnung, was es ist. Fühle nur, dass es da ist. Spüre nur, dass viele kleine Beobachtungen und Ereignisse im Alltag, die in eine bestimmte Richtung deuten, immer mehr werden und immer schneller aufeinander folgen. Das liegt sicher auch an mir – zum Einen verändere ich mich ja selbst auch dauernd, zum Anderen mag meine Wahrnehmung ja auch verglichen zu der der meisten »verschoben«, ja verschroben sein. Vermutlich ist es Beides.

Denn ich bin ja der Sonderling, der Freak. Einer, der sich über viele heutige Selbstverständlichkeiten wundert, ja Angst bekommt: Die Teile von uns, die von so gut wie Allem um uns herum gefüttert und gepäppelt werden sind es, die mir diese Angst machen. Ich hatte mich dazu schon früher mal geäußert, doch die Verhältnisse haben sich (wie abzusehen war, leider) in die gleiche Richtung weiterentwickelt. Womöglich kommt ein Teil des Unbehagens, das viele unterschwellig zu spüren scheinen, genau daher. Doch während meine persönliche Überdosis der Droge längst überschritten ist, wollen sie mehr.

Das, weswegen ich mich gestern schämte, ist heute, wenn auch weniger scharf formuliert, Allgemeingut. Und die Unbedingtheit, mit der sich die überwältigende Mehrheit der Menschen durch die Welt bewegt, nimmt immer noch zu. Ich sehe dabei keinerlei Unterschiede, was kulturellen Hintergrund oder ethnische Herkunft angeht. Das finde ich alles andere als beruhigend.

Mir scheint, auf der einen Seite dessen, was Leonard Cohen in seinem Lied thematisiert befindet sich dieser Teil meiner Mitmenschen. Auf der anderen all die Sonderlinge, »Andere« wie ich. Solche, die nicht mitspielen können oder wollen – egal auf welcher Seite, mit welcher Peer-Group. Die Verräter sind an der Sache an sich. Sie werden die Schuldigen sein, wenn es wieder losgeht.

 

Nachtrag 7.4.17: Wie immer freue ich mich über Gedanken aus berufenerem Munde als meinem, die in eine sehr ähnliche Richtung wie meine gehen. Beim »Guardian« gibt es heute einem Kommentar von Marina Hyde über die sehr moderne und für sie beängstigende Tendenz »Jeder weiß alles«. Auch sie fühlt sich »zunehmend wie eine Insel der Unsicherheit, die demnächst von der steigenden Flut der Gewissheiten verschlungen werden wird«.

Nachtrag 4.5.17: Sascha Lobo hat einen Artikel auf »Spiegel Online« geschrieben, der in diesem Zusammenhang interessant ist. Er sinniert am Ende über die Illusionen, die sich die Linke über der Zustand der Welt gemacht hat – alle hegen ihre Gewissheiten, bis die Blase der schönen Ideen platzt …

Nachtrag 2.7.17: Henrik Müller schreibt in seinem heutigen Kommentar auf »Spiegel Online« über »Intoleranz gegen Intoleranz«. Bald startet der G 20-Gipfel in Hamburg, und es gibt Vermutungen, dass es neben friedlichen Gegenveranstaltungen auch gewalttätigen Protest geben wird, der den Gipfel stören soll. Der Autor macht sich Gedanken über den aus seiner Sicht mehr als bedenklichen Trend, anstatt manchmal durchaus hitzigen, doch grundsätzlich produktiven Diskussionen einfach Haltungen aufeinanderprallen zu lassen – unverrückbar, rechthaberisch. Der Gegner wird diffamiert und bekämpft, anstatt einen Austausch und ein gegenseitiges Verstehen anzustreben. Seiner vorsichtigen Vermutung, dass dabei die zunehmende Verunsicherung weltweit eine Rolle spiele kann ich zustimmen, sehe darin aber nur einen Teilaspekt der Entwicklung. Um Missverständnisse auszuschließen: Auch ich habe keine »endgültige« Antwort, mache mir jedoch so meine Gedanken.

Nachtrag 4.7.17: Dass nicht nur ich Dinge beobachte, die sich inzwischen immer öfter ereignen, darüber spricht in diesem Artikel der Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes Rettungsdienst, Marco König. Er konstatiert eine zunehmende Rücksichts- und Gedankenlosigkeit. Auch der Guardian bringt einen Artikel über das Verhalten der Autofahrer bei dem verheerenden Busunglück kürzlich in Franken.

Nachtrag 19.8.17: Sibylle Berg hat sich in ihrer Kolumne auf »Spiegel Online« schon mehrfach in dieser Richtung geäußert, über diese »Jede/r weiß Alles-Mentalität«, zu der wir als Menschen eh neigen, die aber in jüngerer Zeit radikaler geworden ist und sich zunehmend zu verselbstständigen scheint: »Ein Wort und jeder weiß Bescheid«

Nachtrag 2.11.17: Diese Meldung macht mich nachdenklich: In Ingelheim bei Mainz wird ein junger Mann von einem Sportwagen angefahren, dessen Fahrer noch gesucht wird (so steht es in der Meldung). Der junge Mann liegt am Kopf blutend verletzt auf dem Bürgersteig. Er bittet mehrere Fußgänger darum, ihm zu helfen, doch sie gegen einfach weiter. Schließlich schafft der Verletzte es selbst, mit seinem Handy Hilfe herbeizurufen.

Hmmm. Ein junger Mann, kein alter wie der Rentner im Vorraum einer Essener Bankfiliale. Wieso gingen die Leute einfach weiter? Keine Zeit? Ästhetische »Bedenken« und ein daraus resultierender Beschluss, den Mann zu ignorieren? Kopfwunden bluten heftig – schnell ist alles mit Blut besudelt, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Das heißt, selbst ein gut gekleideter junger Mensch sieht, in Verbindung mit etwas Straßendreck, ziemlich schnell ziemlich unappetitlich aus. In einer Zeit, in der Äußerlichkeiten zunehmend alles sind, bedeutet das: schlechte Karten. Die Leute sind womöglich schneller als früher bereit, jemanden in die Kategorie »Penner, besoffen hingefallen« einzuordnen. Und Penner haben keine Hilfe verdient, die sind selbst schuld, nicht wahr? So ähnlich.

Vor etwa zwei Jahren passierte mir ein kleines Missgeschick – ich wollte mit dem Fahrrad an einer dieser Fußgängerpassagen neben Straßenbahnhaltestellen über die Straße und hatte nicht gedacht, dass ich dabei straucheln und stürzen würde. Ein paar herannahende Autos mussten abbremsen, nicht mal heftig – sie schafften es aber dadurch nicht, noch bei grün über die nächste Ampel zu kommen. Ich zerrte mein umgekipptes Rad von der Fahrbahn, blutete am Schienbein. Reaktion: wütendes Gehupe mehrerer Wagen, einer hielt neben mir, und dessen Fahrer drohte mir durch das heruntergelassene Seitenfenster brüllend Schläge an. Ich sagte nichts, und schließlich fuhr er weiter, wohl auch, weil die Fahrer hinter ihm unruhig wurden – jedoch nicht, ohne mir noch weitere Schimpfworte und Flüche hinterher zu schleudern. Nein, das war nicht etwa in der Rush-Hour. Da hätte ich die Reaktionen noch verstanden. Es war abends, schon weit nach der Tagesschau.

Nachtrag 4.11.17: Gerade gelesen: In Berlin-Moabit ist ein Autofahrer auf Rettungssanitäter losgegangen, weil die bei einem Notfalleinsatz, der Reanimation eines Kindes, mit ihrem Rettungswagen sein Auto zugeparkt hatten. »Verpisst euch, ich muss zur Arbeit!«, soll er gerufen haben, bevor er gewalttätig wurde. Ist Arbeit wichtiger als Menschenleben? Wir leben hier in einem Land, in dem diese Frage leider mit einem Ja beantwortet werden muss. Das meine ich aber jetzt nur als sarkastische Anspielung; das Verhalten des Mannes hat sicher wichtigere Gründe als dies.

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4 Kommentare zu »Die Sache an sich«

  1. Ja, die Verrohung schreitet voran, es ist furchtbar!

  2. Liebe Claudia,

    ja, auf eine paradoxe Weise ist diese Verrohung Ursache und Symptom zugleich …

    Danke für Deinen kleinen Kommentar.

    Liebe Grüße

    Claus

  3. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema ist wahrhaft eine Lebensaufgabe. In Grunde findest du eine Hilfe schon in Cohens Beschreibung: er beschäftigte sich mit dem Taoismus (zen), welcher gerade die Auflösung von Widersprüchlichleiten anstrebte (Ying/Yang, Dialektik…). In Zeiten von Chaos in der Welt (das es immer gab), muss als erstes der eigene Umgang damit reflektiert werden, um zu erkennen, dass man das meiste nicht ändern kann, und nur die eigene Person selbst Ausgangspunkt der Selbstfindung sein kann.
    Du bist da anscheinend ja schon ziemlich weit. Ich empfehle in diesem Zusammenhang gerne auch die Lektüre der Lehren Krishnamurtis (als Start perfekt: „Einbruch in die Freiheit“ – ein tolles Buch ganz ohne eine notwendige Spiritualität, ja gerade mit der Forderung, Glauben anzulegen), der es schaffte, die Idee von Religion zu transzendieren und eben diese Auseinandersetzung mit der eigenen Person zum Ausgangspunkt der Verarbeitung mit seiner Umwelt, und gerade auch mit dem Zweifel am Verstand/Logik/Dummheit seiner Mitmenschen und deren Konsequenzen zu verarbeiten… Vielleicht hilft es ja wirklich nur noch, seine eigene Oase zu erreichen, um glücklich und eben nicht zynisch oder verbittert zu werden…

  4. Lieber Stephan,

    danke für Deinen Kommentar und Dein Interesse. Ja, vielleicht hilft es, seine eigene »Oase« zu erreichen … Mir hilft das – und es hilft mir nicht. Ohne ein Gefühl einer eigenen Oase würde ich jedoch wahrscheinlich gar nicht mehr da sein.

    Gleichzeitig lebe ich in der Welt, staunend und neugierig, als Gruppentier einer Spezies, die sich aus ihrer natürlichen Mitwelt gelöst hat – offenbar leider ohne auch nur eine Ahnung, einen Funken Bewusstheit über die Folgen dieser Entwicklung zu erlangen. Die ist wohl auch gar nicht gewünscht, aus Gründen, die ich immerhin teil- bzw. ansatzweise begreifen kann …

    Ich staune nach wie vor über mich selbst. Da ist eine Ahnung, und ich lasse die Einsicht, das Begreifen zu mir kommen, wenn es denn will.

    Nun bin ich aber noch neugierig – wie bist Du auf meinen Blog bzw. diesen Beitrag gestoßen?

    Es grüßt Dich aus Berlin

    Claus

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