Mittwoch, 26. Oktober 2016

Hillary vs. Donald?

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Hillary vs. Donald?

Inzwischen verfolge ich die einzelnen Nachrichten nicht mehr. Es wird mir zu viel. Wenn dann bald klar ist, wer der nächste Präsident (bzw. die Präsidentin) der USA wird, werde ich mich wieder einklinken.

Ein Gespräch mit meinem Bruder zum Thema brachte mich darauf: Barack Obama gewann vor acht Jahren mit dem Slogan »Yes we can!«. Abgesehen davon, dass Trumps Slogan »Make America great again!« an nationalistische Gefühle und Ressentiments appelliert, könnte man seine ganze Kampagne auch mit einem kurzen Satz zusammenfassen: »Yes I can!«. Er kandidiert. Er sagt, was ihm passt und was nicht. Er sagt es auf »seine« Art. Und er schert sich einen Dreck um »Political Correctness«. Letzteres finde ich eigentlich erfrischend, doch die Art und Weise, wie er es tut, seine Haltung dabei, die finde ich erschreckend.

Er lebt seinen »Ego-Trip«, offenbar ohne Wenn und Aber. Und auf diese Weise ist er Vorbild, verkörpert er aus meiner Sicht den Zeitgeist geradezu perfekt. Vielleicht ist das das »Geheimnis« seines Erfolges? Nun ja, ein wichtiger Teil davon zumindest? Doch seine Widersacherin, seine Konkurrentin um das hohe Amt ist keinesfalls sein Gegenpol.

»Clinton erzählt uns alles Mögliche, um an die Macht zu kommen. Trump sagt sowieso alles Mögliche. Wen soll ich nun wählen? Ich weiß es nicht. Vielleicht gar nicht: Es gibt keine wirkliche Alternative.« So äußerte sich, frei übersetzt, eine Frau aus Austin, Texas bei einem Interview des »Guardian«.

Das trifft wohl einen wichtigen Punkt. Denn Clinton ist »Yes I can« light, Trump ist »Yes I can« full Flavor. Und obwohl beide Kandidaten auch für eine Spaltung des Landes stehen (die nicht nur in den USA immer deutlicher wird), verkörpern sie doch letztlich eine sehr ähnliche Mentalität: Clinton als gerissene Intellektuelle, Trump als offensiv auftretender Trampel. Beides Machtmenschen, die ihren Weg gehen. Yes I can.

Natürlich meine ich dabei nicht, dass beide für die gleiche Politik stehen. Sie verkörpern schon auch verschiedene Strömungen in der Gesellschaft. Letztlich sind sie jedoch nur Repräsentanten einer Grundhaltung, die sich inzwischen anschickt, die neue weltweite Religion zu werden. Dass sie für unterschiedliche politische Sichtweisen stehen, mag zunächst dagegen sprechen. Doch die zugrunde liegende Haltung dem Leben gegenüber ist letztlich dieselbe. Das ist beruhigend und verstörend zugleich …

Jeder zieht sein Ding durch. Gut so. Denn alle wissen Bescheid, kennen sich aus. Wissen. Milliarden von Durchblickern. Gemeinsam werden wir die Welt retten.

 

Nachtrag 21.11.16: Inzwischen ist eingetreten, womit wenige gerechnet hatten: Der nächste Präsident der USA wird Donald Trump sein. Im Guardian las ich eben einen Artikel, der sich mit den Ähnlichkeiten zwischen Trump und dem italienischen Ex-Premier Berlusconi beschäftigt. Die Ära Berlusconi liegt zum Glück hinter uns, die Ära Trump allerdings vor uns. Und wenn ich an den Einfluss Italiens auf die Weltpolitik denke und ihn mit dem der USA vergleiche …

In dem Artikel geht es darum, was die Amerikaner aus der Ära Berlusconi lernen könnten für die kommende Ära Trump. Als Schlussresumee zitiert die Autorin des Artikels einen Journalisten der La Stampa, Jacopo Iacoboni: »Berlusconi stand für die Idee, dass du alles tun kannst, was dir nützt. Die Folgen davon spüren wir bis heute: Italien war immer schon ein Sumpf von Mauschelei und Korruption, und er hat das alles nur noch schlimmer gemacht. ›Wenn ihr Italiener denkt, ihr dürftet fies zu Frauen sein – nun, ich sage euch: Nur zu!‹ Dass er egoistische Haltungen dieser Art bestärkt hat wiegt viel schwerer als alle Vorwürfe, die sonst noch gegen ihn erhoben werden.«

Von wem wurde Trump gewählt? Ein weiterer Artikel aus der Rubrik »Meinung« des Guardian wirft ein Schlaglicht auf das, was Trump an die Macht gebracht hat. Die Kluft zwischen Stadt und Land, zwischen den Gewinnern und den Verlierern der Globalisierung wird breiter, auch bei uns. Viele in den ehemaligen Industriegebieten der USA, die sich seit den neunziger Jahren wirtschaftlich in freiem Fall befinden, haben ihre Stimmen bei den letzten beiden Wahlen hoffnungsvoll Obama gegeben. Nun haben sie Trump gewählt. Natürlich ist das eine Projektion von Wünschen. Doch Trump war derjenige, der sie überhaupt wahrgenommen hat …

 

Nachtrag 13.12.16: Ein Artikel der Rubrik »US News« beim »Guardian« befasst sich mit der Frage, inwieweit Silicon Valley als Ideenschmiede des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts und Donald Trump sich auf einen gemeinsamen Kurs einigen können. Oberflächlich betrachtet mag es nämlich so erscheinen, dass sie »nicht gut miteinander können«. Oberflächlich betrachtet. Sieht man genauer hin, dann wird schnell klar, dass sie weitaus mehr gemeinsam haben als uns lieb sein kann: Silicon Valley verkörpert die neueste und perfekteste Vision der neoliberalen Ideologie, nach der alles menschliche Leben wie ein Markt zu funktionieren hat, nach dessen Gesetzen und Vorgaben. Wer nicht in den Markt »passt«, hat seine Existenzberechtigung verwirkt.

Der Artikel schließt mit der Aufforderung, nicht nur im jeweils konkreten Fall Widerstand zu leisten, sondern sich im Bereich der Ideen und Ideale neu zu organisieren und zu widersetzen. »Wir brauchen nicht nur eine neue Bewegung gegen den Neoliberalismus, sondern auch ein neues Verständnis von dem, was menschlichem Zusammenleben angemessen ist. Im Fokus dieser Bewegung muss die Überzeugung stehen, dass Demokratie ein besserer Weg ist, menschliche Gesellschaften zu organisieren als die Werte des Marktes. Es muss klar sein, dass es Dinge gibt, die unveräußerlich sind.«

Nachtrag 5.1.17: Habe eben beim »Guardian« einen Artikel der Rubrik »Meinung« gelesen zu den Behauptungen, russischer Einfluss hätte Trump zum Wahlsieg verholfen. Selbst wenn da was dran sein sollte – wie oft haben die USA bereits Einfluss auf Staaten genommen, um dort ihnen genehme Regierungen zu installieren oder ihnen suspekte zu stürzen? Dabei ging es nicht nur um geleakte E-Mails, sondern ganz direkte Militärputsche. Der Artikel mag eine Meinung widerspiegeln, doch die darin zitierten Fakten sprechen eine deutliche Sprache.

Nachtrag 27.11.17: Entgegen den Hoffnungen und den Unkenrufen Vieler ist Donald Trump nach wie vor Präsident der USA, und die Chancen stehen recht gut, dass er es bis auf Weiteres bleibt. Er und die Kräfte, die hinter ihm stehen ziehen derweil ihr Ding durch – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Wie es scheint, ändert sein Scheitern bei einigen wichtigen Plänen (wie der Zerschlagung von Obamacare und einem umfassenden Einreisestopp für Bürger aus einigen muslimischen Ländern) wenig daran, dass im kleinen und mittleren Bereich wichtige Weichen neu gestellt wurden und nach wie vor werden.

Facebook hat sich zu einem Tech-Giganten mit derzeit ca. 2 Milliarden (!) Nutzern weltweit entwickelt, Tendenz weiter steigend. John Harris vom Guardian macht sich in seinem heutigen Kommentar Gedanken darüber, inwieweit man Gerüchten Glauben schenken solle, Mark Zuckerberg wolle demnächst US-Präsident werden. Aus seiner Sicht wäre das für Zuckerberg nicht nur überflüssig, sondern sogar ein Rückschritt. Bereits jetzt hat der Gründer, Vorsitzende und Geschäftsführer von Facebook eine Machtfülle, gegen die die eines US-Präsidenten eher bescheiden wirkt: Facebook definiert inzwischen das Leben und Selbstverständnis unzähliger Menschen auf eine direktere Art und Weise als es ein Präsident je könnte. Sollte das Unternehmen bei seinen ehrgeizigen Zielen weiterhin solchen Erfolg haben wie bisher, so wird bereits in naher Zukunft wohl so gut wie nichts mehr ohne Facebook gehen – und das praktisch weltweit. Was Harris besorgt feststellt ist, dass Geld bei Facebook (so wie bei etlichen anderen Silicon Valley-Unternehmen auch) gar nicht die zentrale Rolle spielt. Wäre das der Fall, dann machte es das Verhalten der Akteure einigermaßen vorhersagbar. Es ist jedoch eine Art von modernem Sendungsbewusstsein, durchsetzt mit neoliberalem Gedankengut, das viele anzutreiben scheint. Abschließend meint er: »Es wäre gut, wenn sich mal ein Erwachsener zu ihm setzen könnte und ihm eine Weisheit des  20. Jahrhunderts nahe bringen würde: ›Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.‹«

Nachtrag 18.12.17: Man kann jammern, dass die Demokratie angeschafft wird. Die Entscheidung der Trump-Regierung, die Netzneutralität aufzukündigen ist da nur ein weiterer Schritt in diese Richtung. Abgeschafft wird die Demokratie gegenwärtig in vielen Ländern, in einigen schnell und offen, in anderen, wie wohl bei uns in Deutschland, zur Zeit eher schleichend und verdeckt. Demokratie war ja ein Denkansatz des Egalitären: Dass alle an der Gesellschaft und der Machtausübung beteiligt sein sollen, als Menschen Teil einer großen Gemeinschaft sind. Also ein Ansatz der Fairness. Das Recht des Stärkeren (Gerisseneren, Reicheren, Intelligenteren etc. etc.) schließt eine solche Haltung jedoch kategorisch aus.

Wir haben keine innere Demokratie entwickelt – nun ja, bestenfalls ansatzweise –, und da ist der Zeitgeist seit über 40 Jahren schon wieder dabei, diese kleinen Pflänzchen in uns mit dem Glyphosat des Neoliberalismus auszurotten. Aus dieser Sicht ist nur allzu konsequent, was allenthalben passiert.

Nachtrag 20.12.17: Trump fährt seinen ersten spektakulären legislativen Erfolg ein: Die Steuerreform, die die Republikaner planten, ist »durch«. Sie läuft, ein bisschen getarnt, mittel- und langfristig auf eine schamlose Verstärkung der Umverteilung von unten nach oben hinaus: Wer viel hat, dem wird gegeben werden, wer wenig hat, dem wird auch das Wenige noch genommen werden. In einem Artikel von »Spiegel Online« kann man die wichtigsten Änderungen und deren Folgen nachlesen. Das ist amerikanischer Geist pur, das Recht des Stärkeren als allgemeines Recht. Eigentlich müsste ich diesem Präsidenten sogar dankbar sein. Er ist so direkt und klar mit dem, auf was es heute ankommt. Kein Versteckspiel, keine Schönfärberei. Nur Macht.

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