Donnerstag, 25. Juni 2015

Schaltsekunde

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Schaltsekunde

Dieses Jahr wird wieder eine »Schaltsekunde« das Jahr 2015 um eine Sekunde verlängern. Und wehe, etwas klappt nicht dabei: Computergesteuerte Vorgänge könnten aus dem Tritt geraten. Die Länder streiten deshalb inzwischen darüber, die Schaltsekunden abzuschaffen. Diese sind nötig, denn »sonst würde die Sonne irgendwann Mittags aufgehen. (…) Die Abschaffung der Schaltsekunden hieße, dass das Leben zum ersten Mal in der gesamten Menschheitsgeschichte von der Sonnenzeit abgekoppelt würde.« Die Zitate stammen aus dem oben verlinkten Artikel.

Natürlich würde es das nicht. Wenn es hell wird, ist morgens, Mittags bleibt Mittags, und wenn es dunkel wird, ist Abends: Die Sonne bewegt sich wie immer weiter, die Erde auch. In der Realität. Würden wir nicht korrigierend nachhelfen, so würde sich nur nach und nach zeigen, wie sehr wir uns kollektiv einem Konstrukt unseres eigenen Geistes unterworfen haben. Und dieses ist ja nur eines von vielen.

Doch unser Maßstab ist nicht die Realität, sondern es ist die abstrakte Struktur, die wir ihr übergestülpt haben. Angefangen mit der Einführung der Uhrzeit und ihrer periodischen Umstellung bis hin zu unserer heutigen Situation, die zunehmend Entferntes, Virtuelles dem vorzieht, was uns gerade unmittelbar umgibt und auf uns einwirkt. Dem, was wir direkt fühlen. Von dem, was nicht vermittelt, moderiert, gefiltert, geteilt ist, sondern mit allen Sinnen gleichzeitig und miteinander übereinstimmend erfahren wird.

Doch unser Bewusstsein darüber, dass wir es hier mit zwei verschiedenen Ebenen zu tun haben beginnt immer mehr zu verschwimmen und kulminiert (zu Zeit) in den Begriffen der »Augmented Reality« oder sogar einer »Virtual Reality«. Das Problem darin sehe ich weniger im Vorhandensein von elektronischen »Hilfsmitteln« an sich als darin, dass wir darüber das Bewusstsein zu verlieren beginnen, was was ist – und vor allem, wie es uns beeinflusst: Wichtiges und Belangloses werden zunehmend gleich-gültig. Unsere Fähigkeit zu beurteilen, was wirklich wichtig und was nur Beiwerk ist schwindet in gleichem Maße.

So kommt es, dass immer mehr Dinge, die eigentlich nur eitle Spielereien sind, eine gigantische Bedeutung erlangt haben, und hingegen Dinge, die uns direkt und im wahrsten Sinne end-gültig betreffen wie Vergänglichkeit und Tod zu einer Randnotiz unseres Alltags verkommen sind – wenn sie denn überhaupt auftauchen. Und was passiert mit all den »Leichen im Keller«, den Traumata, die bei sehr vielen, vielleicht sogar den allermeisten Menschen im Unbewussten existieren? Meine Mutter dachte allen Ernstes, was verdrängt ist, wäre weg. Mir scheint, ihre Haltung ist allgemeiner Konsens. Ich habe da aber gewisse Zweifel, ob diese Rechnung wirklich aufgeht.

Was ist so Erstrebenswertes an diesem Zustand? Und wo wird uns das hinführen? Wo wollen wir überhaupt hin? Haben wir uns das überhaupt schon mal gefragt?

Ich weiß keine Antworten auf diese Fragen. Sie scheinen außer mir auch niemanden nennenswert zu interessieren. Mein Gehirn braucht eine Sekunde, um das zu verarbeiten und eine neue Frage zu stellen: Bin ich verrückt?

Denn diese Stille, vor der alle fliehen – sie ist meine Freundin, ja sogar meine Geliebte.

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2 Kommentare zu »Schaltsekunde«

  1. Die Sonne bewegt sich wie immer weiter…

    Du meinst vermutlich, kreisend in Bezug auf das Zentrum der Milchstraße. Oder zusammen mit der Milchstraße fort vom Ort des Urknalls?

  2. Sie bewegt sich, im Universum, in welche Richtung auch immer. Von wo auch immer wohin auch immer. Ja.

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