Montag, 23. September 2013

Keine Diskussion!

Ein Kommentar

Keine Diskussion!

»Darüber darf nicht diskutiert werden!« Der Mann im Rollstuhl brüllte es von der Bühne herunter ins Publikum, außer sich vor Wut. Ein paar weitere im Rollstuhl sitzende Männer und Frauen neben ihm pflichteten ihm aufgebracht bei.

Es war irgendwann Mitte der neunziger Jahre, und damals ging es um eine öffentliche Diskussion zu den Thesen von Singer, der sich Gedanken dazu gemacht hatte, wo wir die Grenzen zwischen zu unterstützendem lebensfähigem und nicht lebensfähigem Leben ziehen. Diese Frage ist alles andere als einfach zu beantworten. Dass die Leute auf der Bühne befürchteten, jedes auch nur leicht missgebildete Kind würde bald quasi automatisch abgetrieben werden, konnte ich sogar verstehen. Ich versuchte zu entgegnen, wenn wir nicht zumindest riskieren würden darüber zu reden, wenn wir uns nicht darüber austauschen und streiten würden, dann würden andere es tun, heimlich und nicht öffentlich, und die würden dabei sehr wahrscheinlich auch die Maßstäbe setzen, wie zukünftig mit solchen Fragen umzugehen sei. Doch ich wurde niedergebrüllt und beschloss daraufhin zu gehen.

Zur Zeit kocht mal wieder ein Thema hoch, das bei vielen alle Knöpfe drückt: Pädophilie. Nachdem vor einiger Zeit allerlei Missbrauchsgeschichten ans Licht kamen, die eine sicher überfällige Diskussion in Gang brachten, jetzt, pünktlich zur Wahl, also ein neuer Aufguss. Jürgen Trittin von den Grünen ist so ins Zwielicht geraten, seit neuestem auch Volker Beck, einer seiner Parteigenossen. Man wirft ihnen de facto vor, sich in den achtziger Jahren mit dem Thema beschäftigt zu haben, sich dabei positiv zur Sache geäußert, also quasi »mit Pädophilen gemeinsame Sache gemacht« zu haben. Wohlgemerkt: Gegen keinen der Beiden gab oder gibt es Ermittlungen strafrechtlicher Art oder gar eine rechtskräftige Verurteilung. Ich muss das einfach der Vollständigkeit halber erwähnen.

Wer sich damals für eine positive, offene(re) Einstellung zum Thema »Kinder und Sexualität« ausgesprochen hatte, hat heute schlechte Karten: Um diese Postionen zu verstehen, so weit sie, das setze ich mal voraus, nichts mit dem Gutheißen von Missbrauch zu tun haben, der hat heute schlechte Karten. Denn eine Diskussion so wie in den achtziger Jahren ist heute … undenkbar. Somit kann es kein Rechtfertigen, kein Erklären damaliger Positionen geben, alleine Abstreiten bleibt. Welch eine jämmerliche Ausflucht. Welch eine jämmerliche Zeit!

Ja, damals in den achtziger Jahren gab es lebhafte, gar wilde Diskussionen, die heute schlicht undenkbar sind. Ich muss es noch mal wiederholen: Un-denkbar. Schon daran zu denken, über dieses Thema zu diskutieren ist ein Tabu geworden, hat den Ruch, sich für Pädophile einsetzen zu wollen, »pro Kinderschänder« zu sein, etwa nach dem Motto: Wer darüber reden will, der will es auch tun. Eine entspannte Gelassenheit bei gleichzeitiger Klarheit über die Grenzen des Umgangs in diesem Bereich finden wir so wohl kaum – im Gegenteil: Es ist ein Tabu in unserer sich so offen und tabulos gerierenden Zeit. Schon wenn das Thema Pädophilie nur erwähnt wird, erhitzen sich die Gemüter, werden gar Rufe nach der Todesstrafe für Pädophile, für »Kinderschänder« laut. Es geht dabei noch nicht mal ums Thema, um den Streit in der Sache selbst – nein, nur die Erwähnung des Themas allein bringt schon im übertragenen Sinne Schaum vor den Mund vieler.

Ich will hier nicht darüber spekulieren, was psychologisch gesehen bei denjenigen Menschen passiert, die so auf dieses Stichwort reagieren. Offenbar haben viele mehr oder weniger »ein Ding damit zu laufen«, wie man es umgangssprachlich ausdrückt; »es drückt ihre Knöpfe«. Bevor jedoch Missverständnisse aufkommen – mir geht es hier darum, auf diese reflexartigen Reaktionen vieler hinzuweisen, und wie diese, von wem auch immer, dazu missbraucht werden, um bestimmte Personen zu diskreditieren oder bestimmten Forderungen (z.B. nach Internetzensur/-Überwachung) Nachdruck zu verleihen. Eine Diskussion über das Thema Pädophilie als solches will ich hier ausdrücklich unterlassen.

Selbst wenn sie überhaupt möglich wäre, würde sie an dieser Stelle den Rahmen völlig sprengen. Für mich gälte es dabei jedoch einzig und allein die Kriterien herauszuarbeiten, ab wann Übergriffe und Gewalt gegen Kinder stattfinden, egal ob mit oder ohne sexuelle Konnotation: Vermutlich waren wir als Kinder alle mehr oder weniger offener oder subtiler Gewalt ausgesetzt. Es wäre so schön, wenn wir endlich bereit wären, uns bestimmte Dinge bewusst zu machen und sie uns »anzuschauen«. Vielleicht hätte es dann endlich irgendwann ein Ende damit.

Mich erschreckt sehr, wie Leuten offenbar selbst die Teilnahme an der Diskussion vor etwa dreißig Jahren zum Vorwurf gemacht wird. Ich sehe das als einen Teil des Versuchs an, die gesellschaftlichen Impulse, die aus den sozialen Umwälzungen nach ‘68 ausgingen, zu diskreditieren oder sie gar ungeschehen zu machen. »Die 68er sind an allem schuld – ohne sie wäre unsere Welt noch in Ordnung!« »Wer über so was redet, der tut es auch!« In etwa so könnte man die Vorwürfe zusammenfassen, die sich dahinter verstecken: der Versuch eines Rollbacks also, der Versuch, bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen und exponierte Personen im Pfuhl der Schande versinken zu lassen und sie letztlich auszulöschen.

Klar, es ging auch einiges gründlich daneben. Das soll in diesem Zusammenhang unbedingt gesagt sein. Doch es gebührt den »68ern« der Verdienst, experimentiert zu haben, zu neuen Ufern aufgebrochen zu sein, Utopien gehabt und ausprobiert zu haben. Sie haben etwas gewagt, etwas riskiert, was es in dieser Radikalität zumindest in der jüngeren Geschichte noch nicht gegeben hatte. Vor allem vor dem Hintergrund der Nazizeit scheint dieser Aufbruch noch strahlender auf. Von meiner Seite also: Hut ab! Ich selbst bin zu jung dafür gewesen, habe aber noch genug vom Muff und braunen Mief der fünfziger und frühen sechziger Jahre mitbekommen, um den unglaublichen Aufbruch zu begreifen, den das bedeutete. Diese Verdienste erscheinen mir sogar noch größer im Anbetracht des Sicherheits- und Konformitätswahns, der heute allgegenwärtig und offenbar selbstverständlich ist.

Nun frage ich mich, ob ich vielleicht demnächst auch Schwierigkeiten bekommen werde, wenn mir womöglich jemand vorwirft, dass ich mich damals im Rahmen meines Studiums gleichfalls an der Diskussion beteiligte. An der Diskussion beteiligte, nicht mehr. Ist schon das Nachdenken oder gar »drüber Reden« ein Verbrechen? Aus meiner Sicht gehörte das damals zu einer lebendigen Demokratie dazu. Nun, vielleicht ist diese Haltung pubertär, doch ich will mir auch heute noch nicht mal indirekt vorschreiben lassen, über welche Themen ich diskutieren darf und über welche nicht.

 

Nachtrag 30.9.13: Im aktuellen »Spiegel« ist ein Artikel über die »Irrungen« der Diskussion zur Pädophile in den achtziger Jahren erschienen, dessen Tenor mich traurig und wütend macht. Natürlich gab es »Irrungen« bei der Diskussion damals. Natürlich gab es Positionen, die bei genauem Hinschauen bedenklich waren. In welcher Diskussion gibt es das nicht? Das jetzt alles haarklein zu zerpflücken und nach dem Motto »Weg damit – hoppla, war da in dem Bade etwa ein Kind drin? Egal, wir wollen damit nichts zu tun haben« abzutun finde ich infam. Das haben weder diese Diskussion damals noch wir verdient – oder? Wieso ist es heute peinlich, sich damals mit diesem Thema öffentlich beschäftigt zu haben? Wieso auf einmal dieses Distanzieren allenthalben? Nicht zu dieser damaligen Diskussion zu stehen, mit allen ihren Fehlern und Irrungen, hat für mich etwas Beängstigendes. Wovon muss man sich denn demnächst distanzieren, um »salonfähig« zu bleiben?

 

Nachtrag 9.10.13: Nun erreicht die »Enthüllungswelle« auch Organisationen wie Pro Familia. Interessant, dass sie in ihrer Reaktion darauf verweisen, dass es damals eine Diskussion gab, mit allem, was dazu gehört …

 

Nachtrag 8.11.13: Das mit der Todesstrafe ist keine Übertreibung. In England wurde im Sommer dieses Jahres ein iranischer Einwanderer gelyncht und lebendig verbrannt, weil er angeblich ein »Kinderschänder« war. Die Polizei hatte vorher aufgrund von Anfeindungen und entsprechenden Vorwürfen gegen ihn ermittelt, musste ihn jedoch wieder freilassen, da es keinerlei Anhaltspunkte gab, dass an den Anschuldigungen und Gerüchten aus seiner Nachbarschaft irgendetwas Wahres gewesen wäre. Zwei Tage darauf war er tot. Zwar gab es zwei junge Männer, die man als die Haupttäter festnahm und verurteilte, doch ein großer Teil der Nachbarn sah untätig (und wie der oben verlinkte Zeitungsartikel des »Telegraph« anklingen lässt, offenbar auch zustimmend) zu, wie der behinderte Mann brutal ermordet wurde. Die beiden waren keine haltlos delirierenden Kriminellen, sondern Familienväter: Der eine Haupttäter ist der Vater dreier Kinder, der andere von zweien. Immerhin wurden die verantwortlichen Polizeibeamten zunächst vom Dienst suspendiert und eine Untersuchung eingeleitet.

 

Nachtrag 12.11.13: Ein landesweit bekannter Neonazi drangsaliert in Russland zusammen mit Gesinnungsgenossen Schwule und stellt Videos davon ins Internet. »Ich will [die »Pediks«, russische Kurzform für »Pädos«] töten, aber ich darf nicht«, wird er zitiert. Erst vor Kurzem konnte sich die russische Justiz dazu durchringen, etwas gegen ihn zu unternehmen.

 

Nachtrag 12.11.14: Heute gibt es auf »Spiegel Online« wieder einen Artikel zum Thema »Die Grünen und die Diskussion um die Pädophile«. Ich finde nach wie vor Diskussionen auch um heikle Themen gut, selbst wenn dabei völlig abwegige Forderungen und Argumente vorgebracht werden sollten.

 

Nachtrag 5.3.15: Seit Monaten geistert der »Fall Edahty« durch die Presse – mit langen Pausen dazwischen, in denen andere Dinge wichtiger waren. Jetzt ist offenbar ein Ende des Gezerres in Sicht.

Der SPD-Politiker war beschuldigt worden, sich von einem kanadischen Anbieter kinder- bzw. jugendpornografische Bilder beschafft zu haben. Die Affäre schlug hohe Wellen. Es stellte sich dann heraus, dass der Politiker sich zwar in einem Grenzbereich des Legalen bewegt hatte, doch reichte dies nicht aus, um ihn zu verurteilen. Das Verfahren wurde daher gegen Zahlung von 5.000 Euro an eine Kinderschutzorganisation eingestellt. Diese wollte das Geld jedoch nicht annehmen – nicht von diesem Mann … Denn inzwischen gibt es offenbar ein großes öffentliches Interesse an dem Fall. Es wurde sogar ganz schnell eine Verschärfung des Strafrechts durchgebracht – böse Zungen nennen sie »Lex Edahty«, was es auf eine Weise wohl auch ist. Wie dem auch sei – seit dem Publikwerden seiner Verfehlung konnte der Mann nur noch untertauchen; er hatte Deutschland sogar verlassen. Die ganze Affäre kommt einem Rufmord gleich. Seine Karriere, nicht nur als Politiker, ist damit beendet. Vermutlich wird er sich sogar im Ausland nach beruflichen Alternativen umsehen müssen. Dafür spricht auch, dass in den sozialen Medien eine Welle des Hasses gegen ihn aufbrandete. Ich finde es unglaublich mutig von Jakob Augstein, sich in dieser Affäre mäßigend zu äußern. Es würde mich kaum wundern, wenn auch er für seinen Artikel einen Shitstorm erntet. Er schließt seine Stellungnahme mit der Bemerkung: »Ein Glück, dass Facebook nicht der Rechtsstaat ist.«

Nachtrag 11.7.15: In Freising bei München ist ein Mann, der mit seiner zehnjährigen Tochter spazieren ging, von etlichen Personen erst angepöbelt und dann sogar geschlagen worden, weil irgendwer behauptet hatte, er sei ein Pädophiler. Seine Frau klärte dann die Familienverhältnisse bei der Polizei auf. Die ermittelt nun immerhin wegen Beleidigung und Körperverletzung.

So etwas wie in England (siehe oben) kann bei uns nicht passieren, oder?

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Ein Kommentar zu »Keine Diskussion!«

  1. Wie bei vielen aktuellen Themen ist es eine Frage der Menschlichkeit, der Annahme und des Verständnisses füreinander, also der geistig-seelischen Reife, wie wir agieren, reagieren.
    Das gesamte Spektrum an Ideen, Diskussionsbeiträgen, Statements und letztlich Lebensentwürfen hat seine Berechtigung. Mehr noch: es bereichert unsere Welt, macht sie bunter und interessanter und wir können, dürfen lernen. Grenzen existieren bekanntlich zunächst im Kopf; transzendieren wir sie, so werden wir gelassener und freier!
    Auch ein eigentlich selbstverständliches Gebot der Menschlichkeit: die Achtung vor dem Anderen, den Mit-Menschen. Hier gibt es Grenzen die gut und sinnvoll sind und die es zu strikt beachten gilt.
    So betrachtet dürfen, ja müssen wir viele Diskussionen neu aufrollen, um dem gesellschaftlichen Rollback zu begegnen. Zu den Themen gehören neben Pädophilie etwa Homosexualität, Pluralismus, Spiritualität und Religion, politische Kultur, Demokratie…

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